Zeit zum Niederwerfen

‚Oh, jetzt sind wir hier … und die machen das wirklich…‘
‚Ähm… was machen wir jetzt?‘
Verschämt drängen wir uns ganz nach hinten, in die Ecke des kleinen Raumes. Er ist mit herrlich weichem Teppich ausgelegt. Vor uns, in Reih und Glied, Männer, nur Männer. Sie murmeln „Allahu Akbar“ und recken ihre Hände zum Himmel.

Wir verfolgen das, mit dem seltsamen Gefühl, hier irgendwie falsch zu sein. Das hier sind heilige Handlungen. Da guckt man nicht einfach zu, wie im Zoo – oder?

 


»Die Moschee ist voll – und wir blockieren beste Plätze.«

 
Aber jetzt sind wir schon hier, in unsre Ecke gequetscht, können auch nicht einfach rauslaufen. Denn hier ist es völlig überfüllt. Wir stehen im Hauptraum, manche Männer mussten in ein Hinterzimmer ausweichen, andere sind sogar im Flur. Sie alle sehen ihren Vorbeter, den Imam, gar nicht. Die Moschee ist voll – und wir blockieren die besten Plätze.

Nun, diese Scham-Gefühle sind nur in uns. Vermittelt wurden sie uns von niemandem. Alle waren freundlich und zuvorkommend. Wir wurden nicht gefragt, ob wir uns auch richtig rituell gewaschen haben. Uns wurde gezeigt, wo wir unsre Schuhe hinstellen sollen. Alles gut.
Schon von außen, nach dem Eintreten sowieso, war klar: Dieses Gebäude ist früher keine Moschee gewesen. Es sieht mehr wie ein unscheinbares Reihenhaus aus. Heute findet das Freitagsgebet statt, sowie bei den Christen der Gottesdienst am Sonntag, ist das der Höhepunkt der islamischen Woche.

 


»Als das Gebet beginnt, packt es mich!«

 

Anders als in den meisten Kirchen ist der Andrang hier riesig, daher fehlt es vorne und hinten an Platz. Es bräuchte, wie z.B. in den pompösen Moscheen Istanbuls, große Haupträume um gemeinsam Richtung Mekka zu beten. Hier, in diesem Haus, mit diesen engen Räumen, stehen viele Männer zu Beginn des Gebets plötzlich mit dem Gesicht direkt vor der nackten Wand. Das kollektive Gebet folgt nach der Predigt, die erst in Arabisch abgehalten und dann auf Deutsch übersetzt wird.

Der Beginn des rituellen Gebets, genannt Salāt, ist der Moment, in dem ich das Unwohlsein ablege. Plötzlich packt es mich. Alle meine Sinne sind wach. Ich bin nur noch hier. Es ist der Moment, den ich nie vergessen werde. Nicht, weil ich es nicht vorher gewusst habe, sondern weil sich das Schauspiel direkt vor meinen Augen ereignet, weil ich den Schweiß riechen, das Murmeln hören und die Löcher in den Socken dieser vielen, vielen betenden Männer sehen kann.
Kurz: Ich erlebe es!

Ich erlebe, wie sich alle diese Männer, ob jung oder alt, ob dick oder dünn, gemeinsam auf den Boden werfen. Mit den Knien unterm Arsch und der Stirn bis auf den Teppich.

 


»Vor Gott auf dem Boden, ganz, wie schön ist das!«

 
Da durchzuckt es mich: Welch Ehrfurcht! Welch Demut! Welch umfassender Ausdruck der Ergebenheit und des Vertrauens. Vor Allah. Also vor Gott! Wie schön ist das!
Das denke ich, oder, es ist mehr ein Gefühl, während 100 Muslime auf dem Boden vor Gott liegen und wir zwei Christen staunend dahinter herumstehen.

Vor Gott auf dem Boden, ganz, wie schön ist das! Diese Männer sitzen nicht in ihrem Bettchen, beten im Kopf und schlafen nach drei Sätzen ein. Sie springen nicht laut herum und gieren nach der größten Aufmerksamkeit. Sie murmeln nicht nur mit gesenktem Kopf vor sich hin. Nein, bei jedem Gebet, bei vielen von ihnen fünf Mal am Tag, werfen sie sich nieder. Sie drücken aus, wo ihr Platz ist. Nicht nur mit Worten, nein, sichtbar für alle, spürbar für sie selbst.
 


»Das inspiriert mich – ich will auch so beten.«

 

Es ist doch so: Was wir tun, das geht auch in unser Denken über. Praktizierte Unterwerfung, nicht unter Menschen[1], sondern unter Gott, dem König und Schöpfer, immer und immer wieder. Das lässt uns unseren Platz kennen. Mehr und mehr. Wir sind Abhängige. Wir sind Geschöpfe. Wir verwalten nur. Wir nehmen nur dankbar an. Nichts weiter.
Das kann man so lernen. Da bin ich sicher.

So zu beten inspiriert mich.
Denn: Wie oft werde ich von meinem Sitzen und Lümmeln beim Gebet abgelenkt. Wie oft fehlen mir die rechten Worte zum Gebet. Wie oft, fühlt sich alles, was in meinem Kopf rumschwirrt, hohl an. Und wie oft habe ich in Gottesdiensten gestanden und lauthals mit der Menge gesungen: „I’m falling on my knees!“ – aber niemand ist auf die Knie gefallen.

Dabei ist mit dem ganzen Körper zu beten ein wunderbarer Ausdruck. Und wenn ich schon kein Katholik bin (da kniet man wenigstens häufig), wenn ich schon kein Moslem bin und wenn ich mich schon nicht gerne im Gottesdienst als Einziger vor aller Augen zu Boden werfe mache (dann würden ja alle glauben, ich sei plötzlich Moslem geworden), dann kann ich es doch für mich alleine ausprobieren.
Ich finde, für mich ist es Zeit zum Niederwerfen.

[1] Wie bei Michel Houellebcq

Tags:
No Comments

Post a Comment