Wovon ich nicht reden kann, darüber muss ich Lieder schreiben…

Ich leide manchmal unter starker Sprachlosigkeit. Und die Musik ist mein Schmerzmittel.

Ich war vor ein paar Wochen in Weimar bei Worthaus 7. Mit Kindern über Gott reden war ein Vortrag dort. Das ist wichtig, möglich, aber letztlich blieb mir hängen: schwierig. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, hat einmal Ludwig Wittgenstein gesagt. Darin finde ich mich wieder. Ich finde an dieser Schwierigkeit über Gott zu Menschen zu reden ändert sich kaum etwas, egal ob ich Kinder oder Erwachsene vor mir habe. Manchen Leuten scheint das Reden von und über Gott so leicht über die Lippen zu gehen, das bewundere ich sehr.

Ich finde es die schwierigste Sache der Welt. Mit jedem Tag, an dem ich diesen Gott studiere und mehr über ihn lerne, habe ich komischerweise das Gefühl sprachloser zu werden. Er ist einfach viel zu groß, als dass meine Worte ihn angemessen widerspiegeln würden. Sein Wesen viel zu mysteriös, als dass das Reden und Schreiben es genügend ausdrücken könnten.

 


»Ich hatte panische Angst etwas zu sagen, was Gott nicht entspricht«

 

„Wovon man nicht reden kann, davon muss man eben schweigen.“ Und irgendwie auch nicht. Wir sollen ja von Gott reden. Karl Barth hat das mal schön formuliert: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ Ich hatte panische Angst davor in meinen Predigten, in meinen Unterrichtsbeiträgen oder einfach in meinen Antworten vor Freunden, Familie und Bekannten etwas zu sagen, was Gott nicht entspricht. Einfach weil ich nicht wollte, dass ich dafür verantwortlich bin, dass Menschen ein komisches Bild von Gott bekommen. Weil ich nicht will, dass Menschen etwas anderes als zuerst die befreiende Liebe Gottes kennenlernen. Dass sie das zuerst hören, sehen, fühlen, schmecken, riechen dürfen, dass dieser Gott die Liebe ist. Und das zuallererst, bedingungslos. Ohne aber.

Da hatte sich in mir ein riesiger Druck aufgebaut. Auf der einen Seite will ich ja von Gott reden, möchte dass Menschen von diesem liebenden, so anderen Gott erfahren, aber ich will mich nicht in irrelevantem Gequassel verlieren. Es ist die eine Sache mit Menschen zu reden, die nicht an Gott glauben. Es ist dann aber auch eine ganz andere mit meinen Kommilitonen und Dozenten zu reden. Ich habe Gott in meinen Augen einfach nie von genug Seiten beleuchtet, mich nicht differenziert genug mit ihm auseinandergesetzt, um wirklich Aussagen über ihn zu machen. Schon bin ich wieder sprachlos.

 


»Keiner von uns kann Gott so fassen, erklären, predigen, dass man ihm 100% gerecht wird.«

 

Und dann hat mich während dem Putzen endlich mal die Erleuchtung gepackt nach dem Motto „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Gehört habe ich das oft, aber bekanntlich brauchen die Dinge manchmal etwas um vom Kopf ins Herz zu rutschen. Das Ding ist ja, dass keiner von uns und wenn er noch so alt ist, noch so weise und noch so viele Bücher gelesen hat, in der Lage ist, die absolut richtige Theologie zu haben. Keiner von uns kann Gott so fassen, erklären, predigen, dass man ihm 100% gerecht wird.

Diese Tatsache ist mir zum Befreiungsschlag geworden!
Ich versuche jetzt über Gott zu reden, aber auf eine Art, die zu mir passt. Und zwar in der Musik. Seitdem ich sprechen kann, singe ich. Später kam die Gitarre und dann das Klavier. Die Musik ist für mich schon immer ein Weg gewesen mich ausdrücken zu können. Sie ist mir zu einem Gut geworden, das es mir möglich macht über Gott zu „sprechen“. „Wovon ich nicht reden kann, davon muss ich singen.“ In den Texten, die ich schreibe, kann ich zwar immer nur Facetten von Gott fassen, aber in dieser künstlerischen Freiheit kann ich immerhin das. In Freiheit in genauso mysteriöser Weise von Gott zu singen, ohne seinen Namen nennen zu müssen. Ich kann in diesen Liedern zu ihm schreien, ohne laut werden zu müssen. Ich kann Melodien komponieren, die Gefühle transportieren. Melodien die im völligen Kontrast stehen zu dem, was der Text sagt. Weil ich denke, dass Gott auch so ist. So widersprüchlich und geheimnisvoll.

 


»Ich bin überzeugt davon, dass Gott ein Genießer ist.«

 

Das Leben mit ihm bewegt sich immer zwischen schon jetzt und noch nicht. Zwischen Verheißungen, die sich erfüllen und welchen, die noch dringend zu erfüllen sind. Innere Kämpfe von unbändiger Liebe und krassen Abneigungsgefühlen zu meinem Gegenüber. Versprechen von Frieden und verdammt viel Ungerechtigkeit um mich herum, jeden Tag. Das zerreißt mir manchmal die Brust, aber dann ist da doch diese Hoffnung, die mich zusammenhält. Dieser Gott, der dann trotzdem jeden Tag verspricht, dass er treu ist und seine Verheißungen erfüllt.

Ich liebe es über Gott nachzudenken und über ihn zu reden und zu studieren, aber wenn es um das geht, was Gott für mich im Herzen bedeutet, kann ich das nicht bloß rational ausdrücken. Da muss ich von ihm schreiben in Texten, Gedichten, Melodien und Liedern, Bilder malen, Fotos machen, essen, kochen und genießen, spazieren gehen, ins kalte Wasser springen und das Wunder meines wiederkommenden Atems nach dem Auftauchen spüren. Und ich glaube, dass ich nicht der einzige Mensch bin, dem es so geht. Und deshalb möchte ich durch die Musik Räume schaffen, in denen Menschen Gott kennenlernen können. Symbole, Metaphern, Melodien…das sind für mich Werkzeuge, die es möglich machen von Gott zu reden. Weil genau das Gott Raum lässt sich selbst zu offenbaren und zwar auf die Art und Weise, wie er es will, nicht wie ich es will.

 


»Ich hatte schon die schönsten Gottesmomente mit richtig gutem Kaffee.«

 

Und dann würde ich gerne noch einen Schritt weitergehen. Ich bin überzeugt davon, dass Gott ein Genießer ist.
Ich meine, schauen wir uns doch mal um:
Die Schönheit der Natur, der Wohlgeruch des Kaffees.
Ich finde, das zeugt von einem großen Fan der Ästhetik und des Genusses. Also warum es nicht mal wagen und Gott verkünden, dadurch, dass ich Raum für Genuss schaffe? Jetzt geht es zugegebener Maßen mehr um Begegnung mit Gott, als um Verkündigung, aber das bedingt sich doch oder? Ich finde schon. Ich hatte schon die schönsten Gottesmomente mit richtig gutem Kaffee. Wenn ich dann Kaffee mache für meine Freunde, dürfen die daran teilhaben. Das eröffnet einen Raum über mehr als nur die Ohren Gott zu hören.

Möglichkeiten über Möglichkeiten. Ich finde jeder sollte die Freiheit haben die Art und Weise für sich zu nutzen, die ihm liegt.

Ich predige ja trotzdem. Und wenn ich mich kreativ auslassen darf, macht es sogar Spaß, versteht mich nicht falsch. Aber die Schuhe fühlen sich immer etwas zu groß an und dann liebe ich es einfach in die Schuhe zu schlüpfen die mir passen. Ich probiere die anderen aber immer wieder an und laufe sie Schritt für Schritt ein.

Aber ich möchte hier eine Lanze brechen: Künstlerische Freiheit gilt auch für die Verkündigung. Und die Verkündigung braucht Künstler. Ganz unbedingt.

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