Wie die Orsons mich überrascht haben – oder: ein kleiner Nachtrag zum Thema ‚Leben nach dem Tod‘

Die Orsons sind witzig. Finde ich zumindest. Ich bin selbst auch Schwabe, das macht es vermutlich leichter. „Du bisch ein Ventilator“ oder „Jetz‘ bring mer mol ä bissle Schwung in die Kischde“ – herrliche Songs zum Lachen und Abdancen. Die Veralberung Günther Oettingers zur Kunst erhoben – „Everybody does, as he pleases“. Endlose Reime voll Kritik an allem, ernst bei nichts und voller Selbstlob, das man bei aller Doppelbödigkeit und Hyper-Ironie natürlich auch nicht ernst nimmt. Oder eben doch.
„Bist du schon mal nackt auf einem Trampolin gesprung?“ – Wenn Nein, dann lass dir gesagt sein: „Alles wackelt“. Das ist zumindest das Orsons-Fazit ihrer sicher ausführlichen, von Stiftung Warentest zertifizierten, Selbsterfahrungen dieser Sportart.

Und dann höre ich mich nach Monaten, auf einer endlosen Busfahrt endlich mal bis zum What’s Goes?-Album-Ende. Ausnahmsweise mal Musik nicht nur im Hintergrund, sondern konzentriert am Hören, stolpere ich über den Song mit dem tiefgang-unverdächtigen Namen: SalamiFunghiZwiebelPartyPizza.
Ruhige, etwas traurige Musik empfängt einen und dann, die ersten Worte:

„Ich glaube, wenn man stirbt, wacht man auf in nem Kinosaal
und außer einem ist niemand da…“

Was in der ersten Strophe folgt ist eine veralberte Vorstellung der Hölle, in der Mussolini, aber auch irgendwas mit Nestlé und Steve Jobs am Start sind. Dann der Refrain, mit theatralischen Ahhh-Chor im Background und HansguckindieLuft-Pfeifen dazwischen:

„Ich lebe und weiß nicht, wie lang
Ich sterbe und weiß nicht, wann
Ich gehe und weiß nicht, wohin
Ich wundere mich, dass ich so fröhlich bin“[1]

 


»Warum der Leere, dem Nicht-Wissen-Können statt mit Angst oder Mutlosigkeit nicht einfach mit Humor begegnen?«

 

Mensch, Mensch, die Orsons, stecken voller Überraschungen, dass sie sich an so ne Frage ran wagen, dass jedes Bandmitglied bisschen spinnen, ja sogar von glauben sprechen darf. Dass sie es dann gekonnt im Refrain wieder ins Nicht-Wissen und den, wie ich finde, unendlich tiefen, wahren und klugen Satz Ich wundere mich, dass ich so fröhlich bin auflösen – doch, doch, Hut ab, geiles Ding.

Und ich denk: Ja, ja verdammt. Geil gereimt und gut gesprochen. Da ist was dran, das kommt meinem Gefühl nahe. Wir wissen es nicht, verdammt. Warum der Leere, dem Nicht-Wissen-Können statt mit Angst oder Mutlosigkeit nicht einfach mit Humor begegnen? Es locker nehmen und sich gleichzeitig wundern, dass das im Angesicht einer solch großen Frage geht – herrlich!

Oder, um noch einen Schritt weiter zu gehen: Mir meine eigene Geschichte für das ‚Dann‘ ausdenken. Eine, die ich schön finde. Eine, die ich mir dann so oft erzähle, bis ich selbst beginne dran zu glauben. Kann ich bestimmt schaffen. Ich muss nur vergessen, dass ich die Geschichte selbst erfunden hab. In Verdrängung ist der Mensch ja groß.
Ob so auch das Kapitel 21 der Offenbarung des Johannes zu deuten ist?

 


»Der Refrain ist gar nicht von den Orsons. Schon Luther fand ihn scheiße«

 

Und gerade als ich all das denke, da überrascht mich das Internet mit ein paar weiteren Hämmern:
Der Refrain ist gar nicht von den Orsons.
Er ist uralt. Sogar Luther kannte ihn und fand ihn scheiße. Dreimal, soviel ist überliefert, hat er in einer Predigt dagegen gewettert.[2] Inspiriert und zum Widerspruch gereizt, haute Luther ein heute ‚Gegengedicht‘ genanntes Verslein raus:

„Ich lebe so lang Gott will
Ich sterbe, wann Gott will
Ich gehe und weiß wohin
Ich wundere mich, dass ich noch traurig bin“[3]

Und es stimmt ja, wenn man das glauben kann, wenn man sich auf die unendliche Ewigkeit der Gottesnähe freuen kann, weil man sich ganz sicher ist, dass man da sein wird, dass Offenbarung 21 des Johannes und Jesu Versprechungen mit dem Paradies und alles, was in der Bibel zum großen Danach gesagt wird, echte Verheißungen sind – warum dann noch jemals traurig sein?

Der Luther war ein kluger Mann. Das Ewige ist für ihn abgehakt, geklärt. Er lenkt den Fokus auf das Hier und Jetzt. Auf das Menschelnde. Das so vom Leben, vom Moment gefangen sein, so voller Emotionen und Allem, dass man die ewige Trostperspektive ganz aus den Augen verlieren kann. Da setzt er, schwups, ein kluges Sprüchlein dagegen, damit der Gläubige sich öfters rausreißen, öfters an die guten Zusagen erinnern kann.

 


»Es fehlt mir der Ausdruck einer Hoffnung, die trotz aller Skepsis einen Hauch von Halt gibt«

 

Luther: Angesichts des Wissens trotzdem noch traurig sein.
Oder: Sich angesichts des Nicht-Wissens trotzdem noch freuen können.
Beide Sprüchlein checken: Der Mensch kann Verdrängung.
Aus der Sicht Luthers: mindestens unnötig.
Aus der Sicht seines Feindbildes: mindestens ein Segen.

Auch wenn ich beide Sprüchlein schön finde, beschreiben beide dennoch nicht so richtig, was ich denke und fühle (auch wenn ich das selbst oft nicht so richtig weiß – wie man hier sieht). Luther ist sich mir zu sicher mit Gott und in dem was kommt – das alte Gedicht bei den Orsons ist mir zu unsicher und es fehlt mir der Ausdruck einer Hoffnung, die trotz aller Skepsis einen Hauch von Halt gibt.

Also habe ich mich spontan an meiner eigenen Version versucht, was eine Kopie beider mit eigenem Ende geworden ist.

Ich lebe und weiß nicht, wie lang
Ich sterbe und weiß nicht, wann
Ich mag leben so lang Gott will
Ich mag sterben, wann Gott will
Aber ich gehe und weiß nicht, woher
jemand sagen kann, dass er sich sicher wär
Ich gehe und hoffe auf Dann,
Ich wundere mich, wie man nicht hoffen kann.

Ach, und damit ihr die Orsons nie wieder, wirklich nie, nie wieder unterschätzt:
Hört euch das Lied „Tornadowarnung“ auf demselben Album bis ganz, ganz zum Ende an.
Dr. Martinus Luther würde sich freuen.

P.S.: Wer mir diese Anmerkung mit Herrn Luther und der Tornadowarnung als erstes in einem Kommentar erklärt, bekommt einen Keks.

 

 

[1] Hier geht’s zum ganzen Songtext: https://genius.com/Die-orsons-salamifunghizwiebelpartypizza-lyrics

[2] Guckst du z.B. hier: http://archive.org/stream/germania06pfeiuoft#page/368/mode/2up

[3] Martin Luther, Gesammelte Werke, hg. von Kurt Aland, Bd. 8, S. 153 = Weimarer Ausgabe Bd. 37, S. 328 f.

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