Von einer zwischen den Sesseln

Hin und her fliegen die Bestätigungen. Man kriegt sich kaum wieder ein, vor gegenseitiger bedingungsloser Zustimmung. „Ja, ist das nicht schlimm. Und wie kann man nur. Klar.“ So, oder ähnlich laufen viele Unterhaltungen und „Diskussionen“ ab, wenn man sich unter seinesgleichen befindet.

Vor kurzem war ich auf der Sommerakademie von Worthaus zum Thema christliche Ethik, einem Angebot, bei dem es nicht nur um theologische Vorträge, sondern auch aktives miteinander Diskutieren ging. Sehr interessant. Hier fand ich mich in einer Situation wie der oben geschilderten vor. Im Nachhinein ist mir dort einiges bewusster geworden und ich bin mit neuen Fragen nach Hause gegangen. Vor allem über meine eigenen Ansichten, über Diversität und unser Ausklammern davon, dass es mehr als unsere Meinung gibt.

Worthaus ist hier nur ein Beispiel, hier trifft man sich, oft trotz des Anspruches Kontroversen anzustoßen, unter seinesgleichen.

 


»Bei der Sommerakademie von Worthaus waren anscheinend alle einer Meinung.«

 

Bei der Sommerakademie von Worthaus waren anscheinend alle einer Meinung. Die Welt schien so einfach. Eine Woche später fuhr ich in meine alte Heimat zu Besuch. Hier waren auch alle einer Meinung. Und auch hier schien alles so einfach, so klar.

Wie kommt es, dass wir manchmal gar nicht bemerken, wie sehr wir in unserer Bestätigungsblase suhlen? (Dafür sollte ich ein besseres Wort finden, ich will ja niemanden mit Schweinen in Verbindung bringen…)

Neuerdings hauptstädtisch sozialisiert habe ich Freunde, die polyamourös unterwegs sind. Alles wird ordentlich gegendert und Gott ist ein allumfassendes Es. Woanders wird mit 20 geheiratet, als Frau maximal Soziale Arbeit studiert und auf eine neue Erweckung des Herrn gewartet.

Bei Feierlichkeiten kommt man bekanntlich zusammen. Und so treffen sich Freund eins und zwei an meinem Geburtstag in meiner Wohnung. Es wird über das Bier gequatscht und das Wetter. Zustimmung allerseits. Doch je später der Abend desto weiter driftet man auseinander, freundlich natürlich. Und da sitze ich zwischen den fancy-vintage-Polstermöbeln.

 


»Da sitze ich dazwischen. Für die einen viel zu liberal, progressiv und der „Welt“ angepasst. Andererseits spießig und konservativ.«

 

Da sitze ich dazwischen. Für die einen viel zu liberal, progressiv und der „Welt“ angepasst. Anderseits spießig und konservativ. Ich will hiermit nicht aussagen, dass ich keine Meinung habe und nur hin und her gerissen bin – das keinesfalls. Klare Haltungen sind oft etwas Gutes, es ist schön, wenn Leute wissen, was sie glauben. Aber wo soll ich mich einordnen? Und muss man das überhaupt? Manchmal tut es aber auch gut sich mit anderen solidarisieren zu können, zu einem größeren Ganzen zu gehören, als ein Teil von etwas, Klarheit zu haben.

Und noch ein Gedanke schwirrt mir in letzter Zeit im Kopf herum. Stimmen denn alle allen zu, wenn sie sich in ihrer Blase befinden? Oder sagen viele einfach nichts? Gibt es nicht noch andere dazwischen?

 


»Gibt es ernst gemeinte Verständnisversuche für andere Meinungen?«

 

Und gibt es ernst gemeinte Verständnisversuche für andere Meinungen? Im Leben gibt es Komplexität. Dinge sind nicht immer nur gut oder schlecht. Und so komplex, wie die Welt ist, so inkomplex sind oft unsere Ansichten.

Wenn man sich den Jesus der Bibel so anschaut, sieht man recht viel „Uneinordnenbarkeit“, Komplexität. Den einen ist er nicht radikal genug, den anderen zu sehr. Und dabei würde man ihn nie als Mittelmaß bezeichnen.

Das hier ist keinesfalls ein Aufruf die politische Mitte zu wählen. Auch nicht, dass man keine klare Meinung vertreten sollte. Vielmehr soll es ein Anstoß sein zu mehr aufrichtigem Interesse an der anderen Seite, zu mehr Zusammenkommen, wie auch immer. Gerne auch zu Diskussion, nur sollte mal geredet werden. Zu ehrlichem „Sicheingestehen“, dass es mehr gibt als schwarz-weiß. Und zum Reden miteinander und nicht nur übereinander. Gleichzeitig ist es auch eine Frage.

 


»Muss man sich einordnen können? Hält man es aus, ohne in irgendeinem Lager „zu Hause“ zu sein?«

 

Muss man sich einordnen können? Hält man es aus, ohne in irgendeinem Lager „zu Hause“ zu sein? Wie jeder gute „christliche“ Text sollte auch dieser natürlich nicht ohne Bezug auf eine Bibelstelle enden. Das ist zwar nur halbernst gemeint, aber diese Stelle ist echte Inspiration für mich: Matthäus 18,20: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wo zwei oder drei sind, da sind Kontroversen oft nicht weit. Und vielleicht feiert Gott das auch. Vielleicht liebt er ja die Komplexität und sitzt auch mal „dazwischen“, neben mir.

3 Comments
  • Christian Schmill

    8. Dezember 2017 at 11:56 Antworten

    Ich habe auch den Eindruck, dass sehr viele Menschen das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen und nicht so richtig dazu zu gehören. In einer so vielfältigen Multioptionskultur fühlt man sich schnell als Anhänger einer kleinen Minderheit.

    Ich glaube, die Welt der ersten Christen war gar nicht so sehr anders. Ich lese gern in den neutestamentlichen Texten, wie die gute Nachricht vom Mann aus Nazareth Menschen zusammengeführt, versöhnt und verbunden hat. Trotz krasser Unterschiede kamen durch Jesus dort Menschen zusammen und hielten nicht nur unterschiedliche Überzeugungen aus, sondern halfen sich auch gegenseitig.

    Eine solche Bewegung wäre auch für unsere Zeit heute eine tolle Sache! 😉

  • Michaela Lohr

    1. Dezember 2017 at 12:55 Antworten

    Danke für diesen Text!

    Ich denke oft, dass einige bestimmt Manual in so einem Kreis eine andere Meinung haben! Diese aber nicht sagen.

    Man hat es ja bei der Diskussion um Homosexualit, Ehe für Alle, Afd,… gesehen.
    Es gibt nur schwarz oder weiß, man diskutiert nicht, sondern rechtfertigt oder greift an.
    Und alle wundern sich, weshalb das nicht sachlich geht. Aber wo lernen wir das? In unseren Gemeinden?

    • Christian Schmill

      8. Dezember 2017 at 12:02 Antworten

      Ich glaub, im Christentum läuft schon sehr lange sehr viel schief. Wichtiges wird nicht besprochen, geschweige denn eingeübt. Stattdessen beschäftigt man sich ständig mit Dingen, wo man sich fragen muss, was sie mit dem Leben der Menschen zu tun haben.

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