Vom Dialog überrascht

Seit Oktober darf ich nochmal studieren. Der alles und nichtssagende Name des Masters: „Religionen, Dialog und Bildung“. Es ist wie in jedem geisteswissenschaftlichen Studiengang: Es kommt halt drauf an, was man draus macht.

Zum Beispiel daraus, dass hinter dem Studiengang eine faszinierende Institution steht. Sie heißt Akademie der Weltreligionen der Uni Hamburg und sie betreibt diesen Studiengang. Die Akademie beschäftigt Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen, nämlich vor allem Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Aleviten. Dieser Ansatz ist so in Deutschland (meines Wissens nach) einmalig. Und er ist gleichzeitig zukunftsweisend und darum unverzichtbar. Denn, um das Offensichtliche zu benennen: In Zeiten massiver Migrationsbewegungen, einer unfassbaren Globalität der Medien, des Geldes und der Waren ist jeder Erdenbürger, somit jede Religion und jede Weltanschauung mein potentieller Nachbar.

 


»Wie schaffen wir es zusammenzuleben, friedlich zusammenzuleben«

 

Darum geht es um Fragen des guten Zusammenlebens in der Einwanderungsgesellschaft, damit um die größere Frage wie wir überhaupt leben wollen, wie wir friedlich zusammenleben können? Und, um noch einen Schritt weiter zu gehen, wie es vielleicht sogar viele von uns schaffen können, wirklich und ernst gemeint vom (religiös) Anderen lernen zu wollen, von ihm das Beste zu nehmen und ins Eigene zu integrieren?

Konkreter: Wie kann der Christ im Moslem nicht nur eine Gefahr, sondern eine Bereicherung sehen? Wie kann der deutsche Buddhismus die (nur noch halb) etablierte Christenheit nicht nur als langweilige Vergangenheit betrachten? Wie kann Vermittlung von gesellschaftlichen Werten, wie die Religions- und Meinungsfreiheit, positiv, fröhlich, ohne Zwang und Hektik, aber bestimmt und klar an neu Zugewanderte vermittelt werden? Muss es das? Passiert das von alleine? Was hieße „von allein“? Wohl: In echten Begegnungen mit „Einheimischen“. Freundschaftliche, im besten Fall nicht gesteuerte, sondern einfach geschehende, wachsende Beziehungen auf Augenhöhe, die immer die Grundlage für echten, ehrlichen Dialog sein werden. Gibt es diese Beziehungen? Wie können wir sie fördern, so dass es den Dialog gibt? Sind wir zu dem nötigen Dialog überhaupt bereit?

Um zu verdeutlichen, auf welche Art die Akademie der Weltreligionen versucht, sich solchen Fragen zu nähern, ich betone: versucht, möchte ich ein Beispiel aus der Forschung erzählen.
Klingt dröge, is aber ganz geil.
Vier gläubige Wissenschaftler, eine Christin, ein Jude, eine Muslima und eine Buddhistin, sitzen um einen Tisch und lesen einen Vers aus dem Koran. Das ist nicht der Beginn eines religiösen Witzes, sondern das Ausgangssetting der Forschung zum Thema Dialogische Theologie[1], was eben unter anderem meint: Theologien im Dialog, was hier konkret heißt: nach und nach gemeinsam über grundlegende Texte aus den vier verschiedenen Tradition reden, um an sich selbst anschließend Dialog-Strategien zu analysieren. Um dann vielleicht nach und nach eine Theologie des Dialogs entwickeln zu können.

 


»Sure 5:48: Jeden Volk haben wir einen Rechtsweg und eine Glaubensrichtung gewiesen«

 

Als Gesprächsstruktur haben sich die Wissenschaftler folgendes überlegt: Zuerst soll in einer Art Anfängergeist wild und geradezu naiv über den Vers geredet werde. Als Zweites den (in diesem Fall) Koranvers explizit aus der eigenen, bespielweise buddhistischen Sichtweise versuchen zu lesen, ihn also probeweise als einen eigenen, für mich geschriebenen zu betrachten. Als Drittes soll das Expertenwissen der jeweiligen Theologin, also hier der Muslima, einbezogen werden. Als Letztes sollen dann die Ergebnisse gesammelt und geschaut werden, welche Schlüsse sich für eine dialogische Theologie ziehen lassen.

So viel zur Idee, deren Pioniergeist ich schonmal bewundere. Jetzt, rein ins Beispiel, um es konkreter zu machen. Es ging um den Koranvers 5:48, dort steht, lest genau, am besten erst mit dem Anfängergeist, dann bewusst aus der eigenen Tradition (Erleuchtungen mir bitte per Kommentar oder privater Message mitteilen); die Übersetzung wie in der Studie verwendet nach al-Azhar:

„Dir haben Wir das Buch (den Koran) mit der Wahrheit geschickt. Es bestätigt die davor offenbarten Schriften und bewahrt sie. Richte unter den Schriftbesitzern nach der von Gott herabgesandten Offenbarung und folge nicht ihren Launen, die dich von der offenbarten Wahrheit abbringen würden. Jedem Volk haben Wir einen Rechtsweg und eine Glaubensrichtung gewiesen. Wenn Gott gewollt hätte, hätte Er euch zu einem einzigen Volk gemacht. Er hat euch aber verschieden geschaffen, um euch zu prüfen und zu erkennen, was ihr aus den euch offenbarten verschiedenen Rechtswegen und Glaubensrichtungen macht. Wetteifert miteinander, gute Werke zu vollbringen! Ihr werdet alle am Jüngsten Tag zu Gott zurückkehren, und Er wird euch die Wahrheit über eure Streitereien sagen.“

 


»Dialog ist harte Arbeit. Interreligiöse Gesprächsformen sind nie nur erbaulich«

 

Nun, zu dem Vers, wie zu dem teilweise in dem Buch zur Forschung[2] transkribierten Gespräch der vier gläubigen Wissenschaftler gäbe es viel zu sagen, zum Beispiel zu allererst das Staunen der Nicht-Muslime über so einen schönen Vers, „Super“ sagt die Christin und hat gefühlt erstmal nichts auszusetzen. Die Buddhistin erzählt, wie sie den Vers in der Vorbereitung zwei buddhistischen Freunden vorgelesen hat, die dann spontan meinten, dass solche Verse Politikern vorgelesen werden müssten.

Nicht zu unterschlagen sind die kritischen Überlegungen. Das Unbehagen des jüdischen Gelehrten mit dem Teilsatz „Richte unter den Schriftbesitzern nach der von Gott herabgesandten Offenbarung und folge nicht ihren Launen“ zum Beispiel. Wenn mit den Schriftbesitzern jetzt Juden und Christen gemeint wären und mit DER Offenbarung, Singular, der Koran, dann wäre der Koran ja ein übergeordneter Maßstab. Die „Launen“ der Andersgläubigen wären somit eben wiederum gefährlich für das eigene Heil. Misstrauisch wird zudem die Metapher des „Wetteiferns“, in der etwas Kapitalistisches anklinge, beäugt.
Darüberhinaus könnte man etwas zu Fragen der Übersetzung und die Herausforderung des Kontexts des Verses sagen, um den herum es nicht nochmal solche Stellen gibt, die offen für eine dialogisch-plurale Deutung sind. Oder dazu wie zäh, wie voraussetzungsreich und kompliziert so ein interreligiöser Dialog sein kann – das kann man hier nämlich schön nachlesen.
All das ist harte Arbeit. Dialog ist harte Arbeit. Und solche interreligösen Gesprächsformen sind sicherlich nie nur erbaulich.

Den echten, wohlwollenden, interessierten interreligiösen Dialog, den müssen wir erlernen.
Und vielleicht passieren dabei völlig unvorhergesehene Dinge, ganz neue Deutungen oder Perspektiven tuen sich auf. Wie in dem Fall den ich gerade schildere, eigentlich schon die ganze Zeit schildern will, weil ich nur darum überhaupt mit diesem Beispiel angefangen habe[3]:

Die Buddhistin sagt nämlich, in der ersten Phase des Gesprächs (im Anfängergeist) zu dem Vers, mit dem der jüdischen Gelehrte das Problem hatte: „…da hab ich dann verstanden, dass ich dann vielleicht auch eine Schriftbesitzerin bin, dadurch, dass ich jetzt den Text erhalten habe.“
Nachdem das Gespräch ein paar Schleifen gedreht hat, kommen die vier Diskutanten nochmal auf diesen Gedanken zurück. Die Buddhistin bekräftigt, dass sie sich jetzt auch als Schriftbesitzerin sehe, da sie den Text gelesen und über ihn nachgedacht habe. Sie solle sich jetzt nicht von schlechten Freunden abbringen lassen, dieser Offenbarung, diesem Weg der Wahrheit zu folgen.

 


»Die Buddhistin sagt: Ich fühle mich jetzt als Schriftbesitzerin. Dieser Vers gilt jetzt auch für mich«

 

Im ersten Gang haben die anderen diesen Gedanken wohl überhört, aber jetzt sind sie total überrascht. Traditionell würden unter Schriftbesitzern Juden und Christen verstanden, wird schnell erklärt. Das heißt Buddhisten seien in dieser Lesart explizit ausgeschlossen und hätten somit keinen Zugang zur Wahrheit. Diese Perspektive überrascht wiederum die Buddhistin. Sie habe sich durch das „wir haben dir das Buch geschickt“ explizit angesprochen gefühlt. DU – das sei eine klare Anrede. Die Offenbarung kam als Koran in die Welt. Und sie sei ja Teil dieser Welt, somit gehe die Botschaft auch an sie.

Da meint die Muslima: „Ist halt die Frage, wer da zu wem spricht.“ Sie glaube eher, dass Gott hier zu dem Propheten Muhammad spreche.

Die Christin springt daraufhin der Buddhistin zur Seite: „Zwar wurde es Muhammad offenbart und er ist ja auch der Prophet, so. Aber der Koran wurde dann ja als Buch in dem Sinne in die Welt gegeben und somit vielleicht auch C. (der Buddhistin) geschenkt…“

Die Buddhistin bekräftigt das nochmal: Der Vers, nicht das ganze Buch, gehöre durch die Aneignung jetzt in ihren persönlichen Kanon. Das sei jetzt für sie halt so.
Die Muslima findet das mittlerweile interessant, denn das „eröffnet halt eben ne ganz andere Ebene.“
Mit anderen Worten: Ihre festgefahrene Sicht- und Leseweise wurde durch diesen Dialog mit einer überraschend neuen Perspektive erweitert. Und genau darum finde ich das so ein gelungenes Beispiel für einen echten, wohlwollenden, interessierten interreligiösen Dialog.
So miteinander zu reden, so einander zu zuhören – genau das müssen wir lernen.

Darum wohl sagt die Muslima auch am Ende dieses Gesprächsgangs: „Das hat mich persönlich grad total angesprochen und ich finde das sehr schön, wie du das verstehst.“
Die Buddhistin antwortet: „Schön, freut mich.“

[1] Dazu gibt es bisher kein komplett ausformuliertes Konzept, die Forschung sind Versuche. Aber, für Interessierte, es lehnt sich an den Ideen zu interkultureller und interreligiöser Theologie sowie der pluralistischen Religionstheologie an.

[2] Für Interessierte wiederum: Katajun Amirpur, Thorsten Knauth (Hrsg.): Perspektiven dialogischer Theologie. Offenheit in den Religionen und eine Hermeneutik des interreligiösen Dialogs.

[3] Die Analyse des Beispiels und auch der Gesprächsverlauf sind in der Studie viel komplexer und genauer analysiert, als ich das hier zum Zwecke der Anschaulichkeit darstelle. Ich beziehe mich hier auf die Seiten 262ff. der Studie.

Tags:
24 Comments
  • orm and cheap

    18. März 2019 at 09:47 Antworten

    159206 499746An fascinating discussion may be worth comment. I believe you ought to write on this subject, it may possibly certainly be a taboo subject but normally people are not enough to dicuss on such topics. To a higher. Cheers 490762

  • 검증놀이터

    14. März 2019 at 16:53 Antworten

    856822 194834Black Ops Zombies […]some folks still have not played this game. It is hard to envision or believe, but yes, some individuals are missing out on all of the enjoyable.[…] 747847

  • unicc tor

    10. März 2019 at 01:05 Antworten

    275354 910098This sort of wanting to come to a difference in her or his lifestyle, initial normally Los angeles Excess weight weightloss scheme is a large running in as it reached that strive. weight loss 568183

  • 935142 731972Write more, thats all I have to say. Literally, it seems as though you relied on the video to make your point. You obviously know what youre talking about, why throw away your intelligence on just posting videos to your blog when you could be giving us something enlightening to read? 987676

  • 662003 496748Watch the strategies presented continue reading to discover and just listen how to carry out this remarkable like you organize your company at the moment. educational 52833

  • in vitro bio waiver studies

    13. Februar 2019 at 17:07 Antworten

    877082 990315Often the Are normally Weight reduction plan is unquestionably an low-priced and flexible weight-reduction program product modeled on individuals seeking out shed some pounds combined with at some point maintain a far healthier your life. la weight loss 189902

  • sen kaşındın amcık

    7. Februar 2019 at 16:43 Antworten

    189272 303853They call it the self-censor, simply because youre too self-conscious of your writing, too judgmental. 343538

  • gvk bio news

    6. Februar 2019 at 20:30 Antworten

    508191 766194You must join in a contest very first with the greatest blogs on the internet. I will recommend this internet website! 559200

  • seo supplier

    3. Februar 2019 at 23:12 Antworten

    500255 971985Plenty of writers recommend just writing and composing no matter how bad and if the story is going to develop, youll suddenly hit the zone and itll develop. 806673

  • molybdenum disilicide

    25. Januar 2019 at 03:01 Antworten

    584528 269272I recognize there is a great deal of spam on this site. Do you require aid cleaning them up? I may possibly support in between courses! 627344

  • Iron Nitride powder

    25. Januar 2019 at 02:46 Antworten

    318778 304750Currently it seems like BlogEngine may be the finest blogging platform out there right now. (from what Ive read) Is that what youre utilizing on your weblog? 128739

  • heat gun

    24. Januar 2019 at 11:32 Antworten

    353514 324588Extremely fascinating subject , appreciate it for posting . 808346

  • 869796 3790Read more on that great Post, I linked to you Thank you. 711906

  • 라이브딜러

    23. Januar 2019 at 06:10 Antworten

    562952 682898Hello my family member! I wish to say that this post is wonderful, fantastic written and come with approximately all vital infos. I would like to see extra posts like this . 331260

  • suissephone

    21. Januar 2019 at 03:10 Antworten

    904241 125936I truly appreciated this gorgeous blog. Make sure you keep up the good function. Very best Regards . 253777

  • DMPK

    19. Januar 2019 at 14:38 Antworten

    458992 772056Ive been absent for some time, but now I remember why I used to love this weblog. Thank you, I will try and check back a lot more often. How regularly you update your web internet site? 651433

  • high quality Caco-2 Assay data

    16. Januar 2019 at 20:21 Antworten

    168777 694094We clean up on completion. This may possibly sound obvious but not many a plumber in Sydney does. We wear uniforms and always treat your home or office with respect. 982862

  • 38867 909429Thanks for providing such an excellent article, it was excellent and quite informative. Its my first time that I go to here. I found lots of informative stuff within your article. Maintain it up. Thank you. 431520

  • outdoor porno

    9. Januar 2019 at 22:23 Antworten

    685506 408107I believe this really is finest for you: Soccer, Football, Highlight, Live Streaming 381255

  • frauen treffen düsseldorf

    9. Januar 2019 at 22:18 Antworten

    805961 72238If you are interested in envision a alter in distinct llife, starting up usually the Los angeles Surgical procedures fat reduction method is a large movement to be able to accomplishing which usually notion. shed belly fat 391230

  • 7N0qc

    4. Januar 2019 at 08:07 Antworten

    219677 874798Hello. I wanted to ask 1 thingis this a wordpress internet internet site as we are preparing to be shifting more than to WP. Furthermore did you make this template yourself? Thanks. 701639

  • My Homepage

    24. Dezember 2018 at 12:50 Antworten

    … [Trackback]

    […] Read More: neolog-blog.de/vom-dialog-ueberrascht/ […]

  • […] Vom Dialog überrascht […]

  • Christian Schmill

    22. Juni 2018 at 13:02 Antworten

    Herzlichen Dank, Daniel, für den tollen Artikel. Interreligiöser Dialog ist definitiv eine spannende Sache und enorm fruchtbar, wenn es gut gemacht wird.

    Bei uns in Berlin an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität gibt es ja den Masterstudiengang “Master for Religion and Culture”. Das geht, glaub ich, in eine ähnliche Richtung. Ist auch interessant, wer sich da in den Veranstaltungen so zusammen findet.

Post a Comment