Und was glaubst Du?

Kaputt machen ist leichter als Aufbauen – eine Sandkastenweisheit, die sich auch in späteren Jahren zu bewähren scheint. Progressiven Christen wird häufig vorgeworfen, dass sie es sich leicht machen. Statt solide Fundamente zu errichten, reißen sie Stein für Stein heraus, indem sie Glaubenswahrheiten in Frage stellen. Als Gegenleistung legen sie noch eine Frage drauf.

 


»Ich habe noch Keinen getroffen, der das eigene Fundament gerne und mutwillig zum Erschüttern gebracht hat.«

 

Ich glaube, an dem Vorwurf könnte was dran sein. Allerdings ist er auch ziemlich kurzsichtig, denn er ignoriert, welche Geschichte hinter der Abbruchstimmung steckt. Ich habe noch Keinen getroffen, der das eigene Fundament gerne und mutwillig zum Erschüttern gebracht hat. Eher hat es Risse bekommen, weil Glaubenssätze und Alltagserfahrung zu viel Spannung erzeugt haben. Es tut weh, wenn man stürzt, weil der Boden unter den Füßen nicht mehr trägt. Also sucht man das Weite, das Unbekannte und damit auch die Unsicherheit. Heimat hinter sich zu lassen, ist immer ein schmerzhafter Schritt.

Hat man das eigene Fundament verlassen, wird man festen Bauplänen gegenüber skeptisch. Im Nachhinein geht so mancher nochmal zurück, legt den Vorschlaghammer an und zerlegt was noch übrig geblieben ist in Einzelteile (À la „Mach kaputt, was Dich kaputt macht“). Viele spezialisieren sich darauf die Fundamente anderer zu analysieren. Sie erscheinen von außen rutschig und fest einbetoniert zugleich. Also argwöhnt man über diese Anderen mit ihren achso festen Standpunkten. Man selbst möchte beweglich bleiben.

 


»Ich trauere nicht jedem Fundament, das in die Brüche gegangen ist, hinterher.«

 

Ich kenne das. Von mir, von Freunden, Leuten aus meiner Gemeinde. Und ich trauere nicht jedem Fundament, das in die Brüche gegangen ist, hinterher. Viele waren nicht tragfähig und Aufbruch die einzig richtige Entscheidung.

Allerdings sehe ich zu viele Leute (und damit trifft der anfängliche Vorwurf einen Nerv), die sich nur noch damit beschäftigen, was sie nicht glauben wollen, als damit, was sie glauben können. Zu viele, die neben den Fundamenten anderer stehen und kritisieren, statt zu untersuchen, wo sie eigentlich stehen (wollen).

 


»Weil sich viele Worte, die man dann zusammen kratzt verbraucht anhören und andere zu schwammig.«

 

Wahrscheinlich, weil es verdammt hart ist zu formulieren, worauf man sein Leben aufbaut. Weil sich viele Worte, die man dann zusammen kratzt verbraucht anhören und andere zu schwammig. Ich bin von Berufswegen herausgefordert nach diesen Worten zu suchen. Das fällt häufig ziemlich schwer, vor allem wenn es um die existentiellen Fragen geht. Als Theologe habe ich gelernt Positionen anderer darzustellen und zu bewerten.

Als es in einer Predigtserie in meiner Gemeinde um die Frage „Und am Ende…?“ ging, habe ich gelesen wie selten zuvor. Ich habe Positionen zusammengefasst, verglichen, abgewogen. Bis irgendwann eine Frage immer lauter wurde: Und was glaubst Du? (Christoph und Daniel haben sich dieser Frage hier übrigens auch schon gestellt)

Ich habe mich am Ende der Predigtserie der Herausforderung gestellt zu formulieren, was ich glaube. Dabei ist kein festes Fundament für alle Zeiten und alle Menschen heraus gekommen. Aber eines, auf dem ich leben kann. Ich habe es mit meiner Gemeinde geteilt und teile es gerne mit Dir (aber auch mit schwerem Herzen – wer legt sich schon gerne fest und teilt etwas Unfertiges?).

Aber lass mich vorher noch eine Frage stellen:

 


»Was glaubst Du?«

 

Ich glaube, dass Gott in überlaufender Kreativität eine wunderschöne Welt geschaffen hat
Ich glaube, dass diese Welt sich von ihrem Schöpfer und damit auch von sich selbst entfremdet hat
Ich glaube, dass in einer Welt ohne Gott Liebe nicht das letzte Wort hat und sie deshalb verloren und vergänglich ist
Ich sehe, dass das Ende des weltlichen Lebens der Tod ist und der Tod oft seine Schatten ins Leben vorauswirft

Ich glaube, dass Gott diese Welt zurück gewinnen möchte, indem er sein Gesicht in Jesus von Nazareth zeigt
Ich glaube, dass Gott auf dieser Welt durch Versöhnung, Befreiung und Heilung schon eine neue Welt aufleuchten lässt
Ich glaube, dass Gott unter den Menschen darum wirbt die Angst um sich selbst loszulassen und Teil seiner Bewegung zu sein
Ich sehe, dass Gott verkrampfte und harte Herzen beweglicher und freier macht

Ich glaube, dass Gott allein Richter ist und dieser Welt einen fairen Endpunkt setzen wird
Ich glaube, dass jede dunkle Ungerechtigkeit ans Licht kommen und jede verborgene Liebestat sichtbar werden wird
Ich glaube, dass eine neue, gerechte Welt wartet, in der wir Gottes überwältigende Schönheit sehen dürfen und kein Leid mehr sein wird
Ich sehe, dass kein Mensch aus sich heraus rechtfertigen könnte an der neuen Welt teilzuhaben, weil alle im Wirrwarr der alten Welt verstrickt sind

Ich glaube, dass Gottes Liebe die stärkste Macht des Universums ist
Ich glaube, dass Gott um das Vertrauen jedes Menschen wirbt
Ich glaube, dass jeder Mensch, der Gott Vertrauen schenkt, Teil dieser neuen Welt sein wird
Ich sehe, dass viele Menschen sich sehr schwer damit tun Gottes Werben zu spüren und darauf zu antworten
Ich glaube, dass Gott keinem Menschen seinen Willen und seine Nähe aufzwingen wird
Ich befürchte, dass es Menschen gibt, die die Nähe Gottes nicht aushalten können und deshalb der neuen Welt fern bleiben
Ich hoffe, dass alle Menschen sich mit Gott versöhnen lassen und die neue Welt gemeinsam feiern

 

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5 Comments
  • Christian Schmill

    24. Juni 2017 at 10:13 Antworten

    Find ich auch eine tolle Idee aufzuschreiben, was man so wirklich mit ganzem Herzen glaubt. Die Sprachfähigkeit eines mündigen Christen ist eine ganz wichtige Sache.

    Bleibt noch die Frage: Was machen wir mit all den Credos der Kirchengeschichte, die noch in vielen christlichen Gemeinschaften nachgesprochen werden oder in Liederbüchern zu finden sind?

    • Marko Jesske

      26. Juni 2017 at 12:35 Antworten

      Ich finde, dass sich die mündige Reflexion auf das was ich glaube und die Glaubensbekenntnisse der Kirchengeschichte gegenseitig brauchen. Zumindest für mich möchte ich nicht sagen, dass ich das apostolische Glaubensbekenntnis damit ersetzt habe! Ich finde, dass es ergänzungswürdig ist und dass es nicht dazu da ist es einfach nur runterzubeten – deshalb habe ich nach eigenen Worten gesucht. Aber gleichzeitig brauche ich es immer wieder mir Worte, die über Jahrhunderte bestand haben, zu leihen und zu wissen, dass ich sie mit einer großen Glaubensgemeinschaft spreche. Nadia Bolz Weber formuliert das so ähnlich: https://www.youtube.com/watch?v=VtC6vsxi_-Q

  • Henrik Begemann

    20. Juni 2017 at 12:25 Antworten

    sehr schön, ich habe das auch mal gemacht…
    http://henrik.begemann.biz/henrik/was-ich-glaube/

    • Marko Jesske

      26. Juni 2017 at 12:28 Antworten

      Hey Henrik, Danke, dass Du mit uns teilst, was Du glaubst! Ich finde schön, dass Du Dich ganz darauf fokussierst an wen Du glaubst (und da auch in deinen Formulierungen auch die „weiblichen“ Attribute mit aufnimmst!). Ich bin in meiner Formulierung ja schon darauf eingegangen, was ich glaube. Das wirklich feste an diesem von mir formulierten Fundament, ist aber der, an den ich glaube und das kommt bei dir schön raus!

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