Stille Zeit – das könnte es (sein). Eine Antwort

„Übung macht den Meister“, sagten sie.

Druck aufs Knöpfchen, grelles Piepsen und schon bewegen sich die Zeichen gleichmäßig –  Sekunde für Sekunde, 60 Minuten lang, bis das Piepsen wieder erklingt. Zwischendurch: Der bange Blick auf die Uhr, während meine Finger von den tiefen zu den hohen Tönen und wieder zurück wandern. Übung macht den Meister. Ein Meister bin ich nicht ganz geworden. Trotzdem verdanke ich den vielen Übungszeiten in meinen Kinder- und Teenagertagen heute immer noch viele schöne Stunden am Klavier – und den prüfenden Blick auf die Uhr.

Ähnlich erging es mir beim „stille Zeit machen“. „Halbe Stunde, gute Zeit, das reicht“, denke ich und gehe zum Frühstück. Ich bin meist gerne eine halbe Stunde früher aufgestanden. Manchmal überraschten mich die biblischen Texte, manchmal ermutigten mich Gedanken im Gespräch mit Gott und manchmal war ich einfach froh den Kampf gegen den Schlaf gewonnen zu haben. Aber immer war ich zufrieden meine Pflicht erfüllt zu haben. Nur wenn der stille Start mal ausfiel, fühlte ich schon tagsüber ein sich langsam ausbreitendes Unbehagen. Bis zum Abend entwickelte es sich zu einer drückenden Anklage:

 


Ein Tag ohne stille Zeit, ist ein Tag ohne Gott, ist ein verlorener Tag.

 

In meinem Theologiestudium begegnete ich Leuten, die dieses anklagende Gefühl nicht kannten. Ich fand das abwechselnd irritierend, unerhört und inspirierend. Mancher Kneipenabend mit ihnen fühlte sich an wie der Vorabend einer Revolution. Der Bruch mit meiner Stille-Tradition entwickelte sich eher schleichend. Meine stillen Zeiten wurden immer stiller, da ich morgens über der offenen Bibel einschlummerte. Ich machte trotzdem weiter und doch merkte ich: Sie sind besonders dazu da, mein Pflichtgefühl nicht zu enttäuschen. Also entschied ich mich zu dem Experiment auf sie zu verzichten. In den folgenden Monaten plante ich keine festen Zeiten mit Gott mehr ein.

Ein Befreiungsschlag! Gott steckt nicht nur in den Zeiten, die ich für ihn reserviere, er ist nicht nur da zu entdecken, wo ich mich für ihn präpariere. In Daniels Worten (er hat übrigens auch schon hier über die stille Zeit geschrieben und ich vermute, dass auch er diese Worte geklaut hat): „Wo der Geist ist, da ist Freiheit“. Ähnlich war es beim Klavierspielen: Nachdem ich aufgehört hatte täglich eine Stunde zu üben,  wurden meine Finger langsamer und träger. Aber mit dem Abstand entstand auch Raum für neue Musik in meinem Kopf. Und wenn ich mich heute ans Klavier setze, dann arbeite ich nicht nur starre Fingerübungen ab, sondern lasse mich überraschen.

Das Leben ging also weiter. Das schlechte Gewissen verflüchtigte sich mehr und mehr. Was blieb, war das Gefühl der Freiheit. Aber auch das Gefühl einer Traurigkeit darüber, dass etwas fehlt.  Ich spürte: Mir entrinnt die Vision von dem, der ich sein möchte. Mir entgleitet der Puls, der meinen Lebensrhythmus strukturiert. Klar, „Weil man das halt so macht“ oder „Weil man Beziehung mit Gott üben muss“ hat nicht getragen. Da wehrt sich alles dagegen in einer Kultur, in der Authentizität höchstes Gebot ist. Ist auch gut so.

 


Aber: authentisch zu leben bedeutet nicht nur, das zu tun, was mir in dem Augenblick entspricht. Es heißt auch: Heute schon dem nachzustreben, der ich sein möchte.

 

Ich möchte großzügig sein.

Ich möchte Zeit haben.

Ich möchte nicht um meine Sorgen kreisen.

Das gerät mir im Alltag häufig aus dem Blick, weil die Angst, zu kurz zu kommen und der Antrieb, für mich selbst sorgen zu müssen es in den Schatten stellen. Daniel erwartet von stiller Zeit, die wesentlichen Dinge des Lebens in Gottes Licht zu sehen. Das trifft, was ich möchte. Die Vorstellung Gott so herzuholen als würde ich die Stoppuhr starten, ist natürlich Quatsch. Ich brauche ihn aber auch nicht herholen. Ich kann ja nicht mal mich selbst mal eben herholen und meine Gedanken und Gefühle aus allen Himmelsrichtungen zusammenrufen. Aber ich kann mich damit konfrontieren, dass Gott schon da ist. Mehr als ich selbst da bin. Ich muss mir immer wieder bewusst machen, mit was für einem Gott ich es zu tun habe. Ich brauche die stille Zeit, weil ich da höre, was in den lauten Zeiten meines Lebens übertönt wird.

Hast Du gerade noch 4‘33 Minuten Zeit? Dann gönn Dir John Cage`s Meisterwerk „4’33“ (https://www.youtube.com/watch?v=JTEFKFiXSx4). Die Idee zur Komposition kam Cage in einem schalltoten Raum der Uni Harvard. Dort hörte er zwei Töne – einen hohen und einen tiefen. Techniker erklärten dem überraschten Künstler: Der Hohe erklingt durch das Nervensystem, der Tiefe durch den Blutkreislauf. Er hörte also zwei Töne, die wir alle immer hören, sie aber kaum jemals wahrnehmen. Dafür braucht es die Stille!

Gott klingt immer schon in dieser Welt – aber es klingt eben auch so viel anderes häufig viel lauter. Deshalb brauche ich stille Zeiten.

 


Gott braucht weder einen besonderen Raum, noch eine besondere Zeit. Aber ich brauche Rückzugsräume, um seinen Klang auch im lauten Alltag zu hören und seinen Rhythmus auch in hektischen Zeiten zu spüren.

 

Schon richtig: Übung macht den Meister. Aber Übung ist hier nur ein Bruchteil dessen worum es geht. Es geht um das Geheimnis, dass der Meister höchstpersönlich da ist und dem ganzen restlichen Leben einen anderen Grundrhythmus gibt. Dabei kann man auf die Stoppuhr getrost verzichten.

P.S.: Über Begriffsvorschläge, die „stille Zeit“ ersetzen und nicht nach harter Arbeit und schlechtem Gewissen klingen, freue ich mich.

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3 Comments
  • Björn Strotmann

    27. Juni 2017 at 07:06 Antworten

    „Private Zeit“, bevorzuge ich.

  • Kris Krebs

    26. März 2017 at 14:11 Antworten

    Was früher auch für mich die Stille Zeit (mit Bibelleseplan, Tagebuch und Fürbitte – Liste) war, habe ich heute ersetzt durch „bewusste Momente“: Unbestimmt lange Zeiten, in denen ich den Gedanken zulasse „Gott ist da“. Manchmal werde ich von dieser Idee angesprungen und überrascht, viel öfter Suche ich nach Hinweisen, Bestätigungen, dass es so sein könnte. Jetzt, gerade in diesem „Bewussten Moment“ wärmt mich eine innere Freude gleichzeitig mit den warmen Frühlingssonnenstrahlen. Sie scheinen von der selben Quelle zu kommen, die Idee von Gottes Präsenz und der Frühling.

  • […] Wenn ich in Markos Antwort vom Segen der Ruhe und des Rückzugs lese, überkommt mich Sehnsucht, es doch wieder zu versuchen. […]

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