Rechtspopulismus für Einsteiger: Was die Con:Fusion 2017 in mir anstößt

Es ist 2017; es ist Wahljahr. Ich bin Mitte 20 – und habe das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, dass meine politische Meinung, meine Stimme zählen wird. Plötzlich sind das mehr als nur Floskeln. Wie ist es, bitteschön, dazu gekommen? Wie konnte das mir und vielen anderen meiner Generation passieren, die bislang vielleicht eine Meinung hatten – aber nie das Gefühl hatten, sie tatsächlich sagen zu müssen?

Bis vor Kurzem jedenfalls hat sich die Entscheidung zwischen schwarz, rot oder grün in der Wahlkabine und vor dem Smoothie-Regal etwa gleich irrelevant angefühlt. Geschmackssache eben; aber überall so grob das gleiche drin (im Zweifel immer Banane). Dann kamen mir die letzten Monate in die Quere: Flüchtlinge in Hamburg, Brexit auf der Insel, Trump im Weißen Haus. Nicht zu vergessen: AfD in Landesparlamenten. Mit dem penetranten Charme eines „Lügenpresse!“-skandierenden PEGIDA-Demonstranten bläut mir all das die Erkenntnis ein: Der Luxus, sich unpolitisch geben zu können, ist aufgebraucht.

 


Es reicht nicht mehr länger, sich in Deutschkursen zu engagieren und „Refugees Welcome“-Shirts zu tragen.

 

Auch wenn das sehr lange geklappt hat (und mir das Shirt sehr gut steht!). Ich wohne in Hamburg zwischen Schanze und Eimsbüttel; bin Pastor einer Gemeinde, die mich u.a. für Arbeit mit Geflüchteten angestellt hat. Schnittmenge mit AfD-Wählern: Nullkommanull. Das macht es leicht, sich politisch nicht allzu oft erklären oder gar rechtfertigen zu müssen. Schön ist das, eigentlich. Aber: Ich habe beschlossen, dass es nicht mehr dabei bleiben kann; dass ich einen Standpunkt brauche, der etwas taugt.

Umso mehr hatte ich mich auf die Con:Fusion 2017 gefreut, die vom 9.-11. März in Heidelberg stattgefunden hat. Und tatsächlich haben mir die Gespräche und der Austausch dort das Gefühl gegeben, einen kleinen Schritt weiter gekommen zu sein. Bevor ich das erkläre, an dieser Stelle ein kurzer Einschub zur Con:Fusion: Das ist ein von Emergent Deutschland entwickeltes Format, in dem man in einer überschaubaren Gruppe (30-40 Personen) zusammen kommt und für einige Tage nach einem gemeinsamen geistlichen Rhythmus lebt, gemeinsam isst und sich in dieser Zeit konzentriert mit einer bestimmten Fragestellung beschäftigt. Thema dieses Jahr war „Christentum und Rechtspopulismus“.
Aus der Einladung:
„Mit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps zeigt sich die Möglichkeit eines globalen autoritären Nationalismus. Wie lassen sich diese Phänomene deuten? Welche Rolle soll das Christentum angesichts dieser Entwicklung spielen? (…) Und wie sieht eine Praxis aus, in der wir gemeinsam gläubig denken, hoffnungsvoll handeln und liebevoll leben?“

Genau meine Fragen also. Und jetzt? Hat es sich gelohnt? Fahre ich verändert, klüger, entschiedener, politisch gebildeter aus Heidelberg weg? Sagen wir mal so: Fürs Parteibuch hat es noch nicht gereicht. Aber trotzdem hat es mein Denken ins Rollen gebracht. Und ich glaube, ich habe diese intensive Beschäftigung am Stück gebraucht, um so etwas wie den Dosenöffner für die vermaledeite Büchse „Politik und ich“ zu finden. Naja, oder zumindest mal die Besteckschublade zu öffnen; ihr wisst schon, die, in der alle Utensilien durcheinander fliegen, die sonst keinen festen Platz haben…

Neben der grandiosen Verpflegung wurde in verschiedenen Kleingruppen auch feste nachgedacht. Anhand eines Papers der „Christen in der AfD“ haben wir nachvollzogen, durch welche Bilder und Worte die eigene Deutung der Welt beinahe unhinterfragbar erscheinen kann – und warum das zu funktionieren scheint; warum so viele Menschen davon angezogen werden. Mehr oder weniger subtil wird das Gefühl einer Bedrohung heraufbeschworen, die nicht näher bestimmt wird (wer oder was ist schon „der Islam?“ Oder „die Barbarei“?). Es gibt ein eindeutiges Narrativ; also eine allem zugrunde liegende Weltanschauung, aus der die politischen Inhalte abgeleitet werden.

Und genau an dieser Stelle könnte aus christlicher Sicht ein Gegenentwurf ansetzen: Haben wir nicht eine ganz andere Erzählung über diese Welt im Gepäck? Eine, die nicht von der Angst und anonymer Bedrohung lebt? Die uns hoffen lässt in zynischen Zeiten und die von einem gewaltlosen Widerstand weiß und von tiefer Solidarität?

 


Überhaupt: Ist Solidarität nicht der politische Farbton christlicher Nächstenliebe?

 

Und wie kann ich mit dieser Farbe malen lernen? In grauen Zeiten der Hoffnungslosigkeit brauchen wir den farbenfrohen Widerstand! Und wir brauchen Geschichten, die eine Alternative zur „Alternative“ sind. Allen voran die Story von diesem Jesus aus Nazareth; dem Freund der Hilfsbedürftigen und Mittellosen; der Flüchtling als Kind war und als Erwachsener die Dreistigkeit hatte, Solidarität zu leben und Feindesliebe zu predigen. Diese Story hat die Kraft, unser starres und Mauern-bauendes Denken zu sprengen. In den Worten von Nadia Bolz-Weber (bzw. eines Freundes von ihr): „Immer da, wo wir eine Grenze ziehen, steht Jesus auf der anderen Seite!“

Klar, das ist auch nur eine mögliche Deutung der Welt: Eine, die von Hoffnung lebt und erzählt. Hoffnung darauf, dass Gottes Reich nicht durch Mauern gebaut wird. Die die andere Wange hinhält, ohne dass die Feindesliebe zu weichgespültem Pazifismus wird, à la „Wir dürfen nichts gegen sie sagen, wir müssen sie lieb haben“. Sondern: „Wenn dir einer auf die Meinung schlägt, dann halte ihm die Hoffnung auch noch hin“. Oder so. Es könnte etwas damit zu tun haben, die eigene Weltanschauung als hinterfragbaren Standpunkt offen zu legen. Sich sozusagen verletzlich zu machen – in der Zuversicht, die nur jemand haben kann, der sich nicht so sehr mit seiner eigenen Wahrheit identifiziert, dass er jeden mit anderer Meinung bekämpfen muss.

Wie kann ich das für mich zusammenfassen? Vielleicht so: ich will klar und eindeutig in meiner Meinung sein; will sie auch lauter und hörbarer kundtun – und mich gleichzeitig angreifbar und hinterfragbar machen. In der Hoffnung, dass diese Haltung eine Art „entwaffnende Ehrlichkeit“ ist, die trotzdem nicht in die Beliebigkeit abdriftet. Ich will öfter mal den (Farb-)Ton solidarischer Nächstenliebe treffen und mich darum seltener zurückhalten, wenn ich in Diskussionen einsteigen und für diejenigen, die am Rand stehen, einstehen könnte. Und ich möchte lernen, zu übersetzen:

 


Die Hoffnung, von der meine Weltanschauung getragen wird, muss konkreter in die politische Sphäre übersetzt werden.

 

Da stehe ich noch am Anfang – aber Formate wie die Con:Fusion machen mir Mut, ähnliche Veranstaltungen in meinem Umkreis durchzuführen. Quasi als eine erste konkrete Übersetzungsleiste meiner „Haltung“ in das Wahljahr 2017: Politische Bildungsarbeit. Jedenfalls, wenn neben den Deutschkursen noch Zeit bleibt. Aber die werde ich mir jetzt gern nehmen.

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