Progressiv? Ja, aber! (Teil II)

Zum ersten Teil des Artikels

Der kroatische Theologe Miroslav Volf spricht von der modernen Geschichte der „progressiven Inklusion“: Moderne Gesellschaften verstehen sich gerne als Gesellschaften, die durch einen fortschreitenden Abbau von Ausgrenzung gekennzeichnet sind. Zuerst kam die bürgerliche Revolution, dann konnten sich ArbeiterInnen und Frauen die Grundrechte erkämpfen, später kamen ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten dazu. Diese Erzählung hat natürlich eine große Evidenz auf ihrer Seite. Aber sie muss gleichzeitig Vieles ausblenden. Denn es gibt eine Schattenerzählung zu dieser modernen Erzählung der progressiven Inklusion. Das bedeutet: Im Schatten dieser Erzählung waren immer auch andere Tendenzen und Kräfte wirksam, die nicht in dieses Muster passten: kleinbürgerliche Ängste vor dem Fremden, das Gefühl nicht mehr mitzukommen, Formen der Selbstgerechtigkeit und des Chauvinismus. Der Progressivismus neigt dazu, solche Gegenkräfte nicht ernst zu nehmen. Schließlich gibt es doch diesen Zug der Geschichte, der unaufhaltsam alles Rückständige überrollt, es am Wegesrand der Geschichte oder in der Hölle des Vergessens zurücklässt.

 


»Sind wir vielleicht in einem ewigen Kreislauf der gegenseitigen Abhängigkeit gefangen?«

 

Zur Schattengeschichte der Moderne gehört aber nicht nur das Reaktionäre, was unbemerkt im Schatten der Moderne heranwächst, sondern es gehört auch der Schatten dazu, den die Moderne selbst wirft: die Formen der Ausgrenzung, die die Moderne und die Globalisierung selbst schafft. Kann es sein, dass die Buntheit, die Mobilität und das Kosmopolitische auf der einen Seite und das Uniforme, Unflexible und Engstirnige auf der anderen Seite viel enger zusammenhängen, als man meinen könnte? Braucht nicht das Progressive das Reaktionäre als Kontrastfolie? Sind konservative Christen und progressive Bewegungen nicht vielleicht sogar in einem Verhältnis intimer Feindschaft miteinander verbunden.
Sind wir vielleicht in einem ewigen Kreislauf der gegenseitigen Abhängigkeit gefangen, in dem sich das Progressive und das Reaktive sich gerade durch ihre Abgrenzungsmechanismen gegenseitig starkmachen? Und feuern wir diesen Kreislauf an, wenn wir einfach nur eine Art „progressives Christentum“ in Abgrenzung gegen ein „rückständiges Christentum“ konstruieren?

Bitte nicht falsch verstehen: Ich hatte nie ein Problem damit, mich laut und deutlich gegen Ausgrenzung und Ungerechtigkeit zu positionieren. Nur halte ich es für wohlfeil, dies vor allem vor einem Publikum zu machen, das mir ohnehin zustimmt. Ich stimme inhaltlich dem meisten zu, was unter „progressiven Werten“ vertreten wird. Auch meine politischen Haltungen sind meinen Gesprächspartnern meist bekannt. Dazu gehört auch das Eintreten für diejenigen, die aus dem Raster fallen und die marginalisiert werden. Die Suche nach einer Solidarität mit denen, die anders denken, glauben, lieben und leben als ich. Vermutlich kommt die Suche nach einer uneingeschränkten Solidarität aus dem Glauben an diesen Jesus dort, der sich denen zuwandte, die sich selbst ins Abseits gestellt haben oder von anderen dorthin gedrängt wurden.

 


»Natürlich verstehe ich meinen Glauben als politisch.«

 

Und dennoch scheue ich mich davor, das Christentum so einzupassen in das Projekt des Progressivismus. Mein Vertrauen liegt nicht in den fortschrittlichen Kräften der Gesellschaft oder der Durchsetzungsfähigkeit von bestimmten Werten und Einstellungen. Wenn das Christentum sich 1:1 übersetzen ließe in ein politisches Projekt, dann stünde es in Gefahr, die Waffen zu segnen, die im Kulturkampf eingesetzt würden. Dann geht es um Werte – konservative oder progressive – und nicht um Christus. Dann wäre das Christentum lediglich eine Wertevermittlungsinstanz, eine Instanz die den sozialen Fortschritt befördert oder für sozialen Zusammenhalt sorgt.

Natürlich verstehe ich meinen Glauben als politisch. Das frühchristliche Bekenntnis „Christus ist Herr (kyrios)“ ist ein politisches Bekenntnis. Nur ist es politisch im dem Sinne, dass es jede Politik infrage stellen kann. Denn ich verstehe meinen Glauben nicht zuerst als einen bestimmten Lifestyle, ein Set von Einstellungen oder als ein politisches Projekt. Es geht nicht zuerst um Werte, sondern um eine „wertlose Wahrheit“ (Jüngel), um Christus, der es Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensstilen, Wertvorstellungen und politischen Zugehörigkeiten zumutet, Schwestern und Brüdern zu heißen.

 


»Es geht nicht darum, sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen.«

 

Von meinem Glauben fühle ich mich nicht auf den Zug der Geschichte versetzt, der sich am Ende als ein Triumphzug herausstellen muss, sondern mein Blick wird geschärft für die Orte, die dieser Zug der Geschichte vielleicht übergangen oder zurückgelassen hat. Dann muss ich weder einer goldenen Zeit nachtrauern, noch muss ich mich als Avantgarde der zukünftigen Geschichte empfinden, sondern werde immer wieder neu sensibilisiert für die Anliegen meiner derzeitigen Umgebung und die Ungerechtigkeiten der Gegenwart. Und dafür kann ich mich einsetzen, ob dies gerade mehrheitsfähig ist oder nicht. Dann muss ich unter keiner Flagge marschieren, und sei es noch eine bunte Flagge, sondern werde immer wieder neu infrage gestellt. Insofern will ich auch lautstark emanzipatorische Anliegen unterstützen, nur ohne den progressivistischen Überbau: Es geht nicht darum, sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen, es geht nicht darum ein Image zu pflegen und auf Beifall zu hoffen, sondern es geht darum, sich auch „ohne Netz und doppelten Boden“ in die Kämpfe der Gegenwart zu begeben. Und dabei darf eben der Gesprächsfaden nicht abreißen mit Menschen, die anders denken.

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