Progressiv? Ja, aber! (Teil I)

„Der Tag wird kommen!“ unter diesem Motto sang Markus Wiebusch vor wenigen Jahren über einen Fußballspieler und sein inneres Ringen darum, ob er sich als homosexuell outen solle. In dem Lied sprach er mitfühlend über die innere Zerrissenheit, mit der vermutlich einige Homosexuelle im Profisport zu kämpfen haben. Auch die Rolle der Kirche kommt darin vor: „All ihr Bibelzitierer mit eurem Hass im Herzen!“ Und wer wollte es leugnen: Das Christentum ist wesentlich mitverantwortlich für die Marginalisierung von sexuellen Minderheiten. Und wenn man sich derzeit umguckt, sieht man mal wieder, wie Christen vielerorts auf der falschen Seite der Geschichte stehen: Ohne Skrupel stehen da Pfingstpastoren und legen Donalds Trump die Hand auf, da dieser „von Gott geschickt“ sei. Die evangelikale Publizistik bei IDEA und Pro sind der Meinung, man dürfe die völkische Ideologie der AfD nicht gleich verteufeln. Und dann gibt es da langwierige Grabenkämpfe um die Ehe für alle, bei der man höchstens den Eindruck bekommt, das Christentum hinkt mindestens 30 Jahre hinter der Entwicklung hinterher.

 


»Wenn ich diesen Club sehe, dann will ich eigentlich kein Mitglied sein.«

 

Wenn ich all dies sehe und reflektiere, dann schäme ich mich manchmal. Ich will nicht mit diesen Tendenzen assoziiert werden, will mit dieser Rückständigkeit nichts mehr zu tun haben. Wenn ich diesen Club sehe, dann will ich eigentlich kein Mitglied sein. Eines solchen Evangeliums könnte man sich nur schämen, denn es wäre nur die Macht der Borniertheit und die Kraft der Verschlossenheit, die die Menschen davon zurückhält, auf andere einzugehen und sie stattdessen fesselt an das Rückständige und Reaktionäre.
Ich frage mich: Können meine lieben Brüder und Schwestern nicht einmal auf der richtigen Seite der Geschichte stehen? Nach Kreuzzügen, dem Verteidigen von Sexismus, Sklaverei und der Verstrickung in den Kolonialismus könnte doch das Christentum bitte, bitte einmal nicht völlig daneben liegen!
Vom Salz der Erde und dem Licht der Welt wagt man ja schon gar nicht mehr zu träumen, es würde schon reichen, wenn das Christentum einmal dadurch auffällt, dass es nicht alles versalzt und in düsteren Zeiten nicht noch mehr verdunkelt.
Wie kommt es, dass Teile des Christentums dafür bekannt sind, dass sie das Christentum mit den Werten des 19. Jahrhunderts gleichsetzen: die Idee der Größe der Nation, der Stolz auf die eigene Kultur, die Verbissenheit, mit der man sich an Familienwerte klammert, die so im Neuen Testament nicht vorkommen und die fatale Neigung Kirche und Staat wieder zu einer Einheit zusammenbringen zu wollen. Die Idee, es ginge darum, als Christ das Vergangene zu verteidigen ist einigermaßen absurd. Woher soll er kommen, der Auftrag einer goldenen Zeit nachzutrauern oder das, was kraftlos geworden ist, gegen Angriffe zu verteidigen? Wie kommt es, dass die, die sich als gerechtfertigte Sünder „allein aus Gnade“ verstehen sollten, plötzlich als Advokaten von Law & Order daherkommen? Wie kann es sein, dass die, die bekennen, dass sie Gott gegenüber nichts außer ihre Sünde und Schwäche vorzuweisen haben, nun chauvinistisch von deutscher Leitkultur und voller Stolz von deutscher Geschichte reden? Glaubt man wirklich, dass man den Lebenden bei den Toten finden kann? Glaubt man wirklich, dass Christus eine bestimmte Zeit in der Geschichte, eine bestimmte Lebensform, eine bestimmte Kultur für heilig, für besonders, erklärt?

 


»Vielleicht, vielleicht, ist es ja noch nicht zu spät.«

 

Auf dieses reaktionäre Christentum reagieren die anderen, indem sie sich umso lauter und demonstrativ dem Progressivismus zuwenden: Einmal auf der richtigen Seite der Geschichte stehen! Der Progressive glaubt, er kann jede Diskussion mit dem Verweis auf die Jahreszahl gewinnen. Das ist es, worum es ja auch bei Markus Wiebusch geht: um einen Fortschrittsglauben: „Der Tag wird kommen“. Alles wird sich in die richtige Richtung entwickeln, die Offenheit, die Toleranz, die Vernunft wird sich schon durchsetzen. Und vielleicht, vielleicht, ist es ja noch nicht zu spät für Christen gerade noch aufzuspringen, bevor man vom Zug der Geschichte nur noch die Rücklichter erblickt?

Ich erinnere mich an eine Diskussion Anfang des Jahres in den USA: Das Princeton Seminary, eine anerkannte liberal-reformierte theologische Ausbildungsstätte, wollte dem konservativen Tim Keller den wichtigen „Kuyper Award for Excellence in Reformed Theology” verleihen. Das darf getrost als der Versuch eines Brückenschlages verstanden werden. Keller ist Mitglied einer sehr konservativen theologischen Denomination, die sich von der liberaleren Denomination abgespalten hatte, die das Princeton Theology Seminary unterhält.
In seinem theologischen Kontext kann er als kreativer und vorwärtsweisender Kopf gelten: Mehr als andere stellt er die sozialethische Verantwortung des Christentums in Bezug auf Armut in den Mittelpunkt. Er widmet sich gegen verschiedene Formen von Chauvinismen und insbesondere gegen Rassismus. Er zeigt die Relevanz von Theologie (wie der Rechtfertigungslehre) für aktuelle urbane Problemlagen (wie der Gentrifizierungsdebatte) auf. ABER: Er ist eben auch das andere; er ist auch Biblizist, auch konservativer Apologet und vertritt auch die Meinung seiner Denomination in Bezug auf Frauenordination (nämlich die Ablehnung derselben).

Wer sich ein wenig auskennt im theologischen Spektrum der USA, kann ihn einordnen als einen vorwärtsweisenden Evangelikalen: zuerst evangelikal, dann und darin: vorwärtsweisend. Vom Princeton Seminary sollte er nun für seine Verdienste in der Missiologie ausgezeichnet werden. Als dies bekannt wurde, entbrannte ein Sturm der Entrüstung: Würde man durch eine Auszeichnung nicht einen Reaktionären auszeichnen? Würde man nicht den ganzen Frauen, die in ihrer Vergangenheit mundtot gemacht wurden, gewaltiges Unrecht wiederfahren lassen? Macht man sich nicht mitschuldig durch so eine Ehrung? Schließlich wurde – nachdem die Preisverleihung schon beschlossen war – aufgrund des lautstarken Protestes der Preis zurückgenommen. Keller wurde aber dennoch erlaubt, dort zu sprechen. Es war wohl ein Zeichen der Souveränität von Keller, dies auch getan zu haben.

 


»Hier liegt das Problem im Progressivismus: Die Aufteilung der Welt in eine ganz helle, progressive, und eine ganz dunkle, reaktionäre Seite.«

 

Ein Zeichen der Unsouveränität dagegen war die Zurücknahme einer einmal vergebenen Auszeichnung. Denn da wurde so getan, als könnte das Publikum nicht differenzieren zwischen verschiedenen Aspekten von Kellers Werk und müsste vor ihm geschützt werden. Es wurde auch übersehen, dass Keller ein Hybrid ist: teils unerträglich biblizistisch und teils recht progressiv. Man verlor die Fähigkeit, genau hinzuschauen. Irgendwie verloren manche sogar die Fähigkeit, sich im Gespräch kritisch mit anderen auseinanderzusetzen, um diese zu überzeugen. Hier liegt das Problem im Progressivismus: die Aufteilung der Welt in eine ganz helle, progressive, und eine ganz dunkle, reaktionäre, Seite, die Angst vor Beschmutzung („guilty by association“), die Unfähigkeit zum Gespräch mit allen, die diese Werte nicht teilen. Und damit einhergehend: der „moral high ground“ von dem auch man spricht.

Für mich ist der Moralismus eine Gefahr, die in der Erzählung des Progressivismus angelegt ist.

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