Menschenrechte? – „Nö, lass mal! Ich bin Christ.“

Im ersten Teil ist deutlich geworden, dass die politische Umsetzung der Menschenrechte irre schwer ist. Wir brauchen dieses Konstrukt Menschenrechte dringend, aber bekommen es nicht (oder nur sehr schleppend) hin. Ich kann die Politikverdrossenen regelrecht hören: „Typisch Politik, ey! Was kann man da schon erwarten?“.

Lassen wir die Politik mal Politik sein. Lassen wir mal für einen Moment unsere mit Ethik und Moral gestärkten Hosen runter. Werden wir konkreter: Du und ich.

In unserem Alltag haben wir täglich mit menschenrechtlich relevanten Themen zu tun. Das heißt nicht, dass wir persönlich die Menschenrechte verletzen. Aber wir unterstützen mit unserem Handeln ein System, das die Menschenrechte verletzt. Wir nehmen die Menschenrechtsverletzungen wissentlich in Kauf, weil wir davon profitieren. Es fängt schon da an, wo anderen Menschen Grundrechte vorenthalten sind, damit wir so leben können wie wir wollen.

Konkreter: Wir sind für die Kinderrechtskonvention, aber kaufen dennoch Klamotten bei den großen Ketten. Mit meinem Kauf breche ich nicht die Menschenrechte. Ich gebe damit aber sehr wohl mein Einverständnis zur Herstellung des Shirts. Und auch wenn z.B. Bangladesch der Kinderrechtskonvention beigetreten ist, wissen wir, wie die Wirklichkeit aussieht. Letztlich sagt jeder Kauf bei den einschlägigen Fashion-Labels: „Mein Bock auf das Shirt ist größer, als der lange Weg zur Verwirklichung der Menschenrechte“.

 


»Unser Lebenswandel unterstützt den Erhalt von Sklaverei!«

 

Das können wir im Prinzip auf alle Konsumgüter ausweiten und darüber hinaus. Der Lebenswandel der westlichen Welt – also mein und dein Leben! – ist für den größten Teil des CO2-Ausstoßes auf der Welt verantwortlich. Die Leidtragenden sind aber in erster Linie Menschen aus Ländern, die ohnehin schon benachteiligt sind. Klimaflucht wird in den nächsten Jahrzehnten ein großes Thema werden.
Unser Lebenswandel unterstützt den Erhalt von Sklaverei, Armut, Raubbau an der Natur, Krieg, Menschenhandel,…

Es ist dringend nötig, dass wir uns als Gesellschaft für die Umsetzung der Menschenrechte einsetzen – auch wenn der Weg lang ist und aus vielen kleinen Schritten besteht.

Wieso sollten nicht gerade wir Christen, wir Gemeinden uns das auf die Fahne schreiben?
In der mir bekannten Gemeindelandschaft habe ich bisher wenig bis nichts von Menschenrechten gehört. Ich vermute, dass es uns oft einfach nicht in den Sinn kommt, dass die Menschenrechte womöglich ein wertvoller Ansatz für uns sind. Wir haben vielleicht sogar Schiss, dass die Menschenrechte uns die Butter vom Brot nehmen. Lange hat das Christentum bei uns die Maßstäbe gesetzt und das Miteinander definiert.

Jede Gesellschaft braucht für das Miteinander ein Narrativ. Damit ist die Erzählung gemeint, die eine Gruppe eint; eine Erzählung die so tief greift, dass sie der Gemeinschaft Sinn und Richtung gibt. Daraus leiten sich dann Werte und Handeln ab. Und unsere Erzählung war über Jahrhunderte die christliche Botschaft. Heute heißt das Narrativ in Westeuropa aber „Demokratie und Menschenrechte“.
Sehen sich viele Gemeinden womöglich als letzte Festung des alten Narrativs?

Ich persönlich glaube, dass die christliche Botschaft nicht das gesellschaftliche Narrativ sein muss. Die Kinderjahre des Christentums hatten das auch nicht und waren dennoch eine Erfolgsgeschichte; vielleicht sogar deswegen?! Ja, ein Narrativ ist sehr wirkmächtig, aber zugleich auch ungemein träge. Es hat ein Monopol auf „Sagen wo es lang geht“. Es überlebt weil es Tradition wird. Man macht das eben so. Es ist ein Hierarchiemodell, dass von oben herab vorgibt wie es zu laufen hat.

Unser Auftrag ist es nicht „christliche Länder“ zu etablieren, sondern dem einzelnen Menschen zu dienen und unsere leidenschaftliche Begeisterung weiterzutragen. Ein frischer und mitreißender Impuls geht meist von Bewegungen aus. Sie richten sich an den einzelnen Menschen, nicht durch Zwang oder Tradition, sondern von Innen heraus. Hier geht die gesellschaftliche Prägung von unten – von der Basis aus. Sie lebt von Dynamik, statt auf allzu feste Strukturen zu setzen.

 


»Ich kann in den Menschenrechten nichts finden, was den christlichen Grundüberzeugungen widerspricht.«

 

Das ist unsere Chance! Lasst uns auf den Anspruch verzichten, das Narrativ zu bestimmen. Weder verlieren wir unseren Glauben, noch verraten wir Gott dadurch. So können wir wieder zu einer inspirierenden Bewegung werden, von der wir immer träumen – oder?

Meist mussten sich neue Narrative kämpferisch behaupten. Jesus wurde gekreuzigt weil er ein Störenfried der damaligen Erzählung war. Neben dem gottgleichen Kaiser konnte es keinen weiteren Herrscher geben. Wer zu kritisch war wurde gekreuzigt; nicht nur Jesus, sondern Abertausende.

Aber die Menschenrechte sind Fürsprecher für uns und vertreten unsere Interessen und Rechte als Menschen, sie sind auf unserer Seite. Darin stehen sie dem Glauben in nichts entgegen. Ich kann in den Menschenrechten nichts finden, was den christlichen Grundüberzeugungen widerspricht. Im Gegenteil: Ihr Anspruch ist es, jeden Menschen vorbehaltlos wahr und ernst zu nehmen. Find‘ ich gut, denn das ist auch Teil dessen, wie ich den Glauben verstehe. Ist nicht Nächstenliebe unser Auftrag? Und ist Nächstenliebe nicht ein Synonym für Menschenrechte?

Also: Wir können uns getrost für Demokratie und Menschenrechte als Grundwerte des globalen Miteinanders aussprechen.

 


»Wie wäre es, wenn wir anfangen in Gemeinden über Menschenrechte zu reden, im Wissen, dass wir in ihnen einen Freund haben?«

 

Einige Projekte im Kontext von Gemeinde und Glaube arbeiten schon mit Menschenrechten. Da gibts echt coole Sachen und es lohnt sich, sich da mal schlau zu machen.
Die Micha-Initiative beschäftigt sich bspw. mit dem Thema Armut und globale Gerechtigkeit. Sie haben den „Just People?“-Kurs entwickelt, den man mit Kleingruppen machen kann.
Es gibt Menschenrechtsorganisationen, die ihren Auftrag, im Einsatz gegen Sklaverei, klar auf ihren Glauben gründen. Menschen aus der Entwürdigung der Versklavung befreien; wie mega geil ist das denn bitte?!

Unzählige Kirchen in ganz Deutschland betreiben Weltläden, um den fairen Handel zu fördern. Kaffee, Schmuck, Schoki, Taschen, Klamotten, Tee,… und die Menschen, die für unseren Konsum und Genuss schuften, können davon leben.
Zu lange haben wir im Streit um das Narrativ an einander vorbei geredet. Das macht mich traurig und wütend. Traurig, weil ich Gottes Idee von Gemeinde liebe und wütend, weil ich oft Mitschuld daran trage, dass wir an einander vorbei reden.

Wie wäre es, wenn wir anfangen in Gemeinden über Menschenrechte zu reden, im Wissen, dass wir in ihnen einen Freund haben? Wir werden überrascht sein, wie viele Ansätze wir in ihnen finden, Nächstenliebe neu zu verstehen und zu leben und unserm Glauben Ausdruck zu verleihen.

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2 Comments
  • Christian Schmill

    7. Mai 2017 at 12:33 Antworten

    Danke für deine beiden Artikel zum Thema Menschenrechte. Echt wichtiges und schwieriges Thema. Durch die Globalisierung von Massengesellschaften ist ja jeder irgendwie indirekt ein kleines bisschen verbunden mit den Leben von Menschen irgendwo anders, die er gar nicht kennt. Im Nutzen, wie im Schaden. Da ist der ferne Mensch plötzlich auch irgendwie mein Nächster geworden, dem als Christ mein Liebe gelten soll.

    Die Idee vom „Narrativ“ find ich spannend. Dass ein christliches Narrativ für unsere Gesellschaft nicht funktioniert, wundert mich gar nicht. Ich denke auch, dass ist nie so gedacht gewesen. Und über Werte wie Demokratie und Menschenrechte sollten wir uns als Christen bestimmt mitfreuen.

    Das Desinteresse am Thema Menschenrechte in vielen Gemeinden hat sicherlich verschiedene Gründe. Eigenartig ist es schon, wenn man an die Botschaft von Jesus denkt. Es waren in den letzten 2000 Jahren ja oft auch Christen, von denen tatkräftiger Einsatz für Menschenrechte ausging.

  • […] Dieser Artikel ist der erste Teil des Beitrags. Hier gehts zum zweiten Teil. […]

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