Mein Glaube – ein Schreibexperiment

Ein Schreibexperiment. Nur zehn Minuten Zeit.
Keine eigene Meinung, nicht mal notwendig die eigene Perspektive.
Vielmehr assoziativ, spontan, ohne Denkschranken und mit viel Spaß.
Die Überschrift für alle Texte lautete: “Mein Glaube”.

Und eine weitere Vorgabe gab es:
Fünf Begriffe mussten in jedem Text vorkommen.
Der Erste, der alle Fünf richtig in einem Kommentar auf facebook benennt und uns damit zu mehr Sichtbarkeit, ergo mehr Klicks, ergo mehr Geld verhilft – der bekommt ein exklusives neolog-Osterei zugesandt.

Text 1

Über die Ewigkeit des Sitzkreises nachzudenken wäre lohnenswert. Kein Ende hat er und keinen Anfang. Völlige Selbstverständlichkeit. Viel zu lange sitzen geblieben ohne eine Idee davon, wie man hinein gelangt ist.

Ist das die Geschichte meines Glaubens? Kinderstunde, Kindergottesdienst, Jungschar, Teenkreis, Jugendkreis, Hauskreis – der Sitzkreis ist die stuhlgewordene Manifestation gemeinschaftlichen Glaubens. So habe ich es kennen gelernt. So war es schon immer. Die meiste Zeit meines Lebens. Bis die Selbstverständlichkeit überspannt wurde, als ich ihn verließ und mich einem Neuen anschließen wollte. Da wurde der Kreis zum Quadrat.

Aus diesem Unfug aufgewacht. Die Eieruhr piept schon viel zu lange. Kann man Eier eigentlich zu lange kochen? Nach hart kommt übrigens wild-hart.

Über die wild-hartigkeit des Glaubens nachzudenken wäre lohnenswert. Soll man ja sein als Mann des Glaubens: wild at heart.

Text 2

Säße ich in einem Sitzkreis und müsste Rechenschaft ablegen: Dies ist mein Glaube – so wäre es die leichteste und schwerste Aufgabe gleichermaßen. Gäbe man mir eine Eieruhr-lang Zeit, so könnte ich diese bedenkenlos füllen voller wild-harter Gedanken und Sätze. Sie wären wohl zweifellos richtig und doch lauter Unfug.
Denn Gott ist mir Alles.
Müsste ich jedoch ergründen was dieses Alles sei, so bliebe doch nichts.
Ist man einmal aufgewacht, ist die Frage die die selbstverständlichste des Glaubens scheint, doch die schwerste.

 

Text 3

“So ein Unfug“, rief Oma Erna aus der Küche. „Doch doch!“, sagte Manfred entschieden; „das kannst du mir ruhig glauben!“

„Aber all die Jahre, die er immer bei uns war – das kann man doch nicht einfach wegwischen, so, als hätte er nie etwas damit zu tun gehabt“.

„Ring“ – die Eieruhr schaltete sich nun in das Gespräch ein.

Routiniert, wie jeden Sonntag morgen, nahm Erna die Eier aus dem Kochtopf – vorsichtig, mit den großen, roten Ofenhandschuhen, und schreckte sie unter dem kalten Wasser ab. Dann stellte sie die Eier in die Eierbecher und brachte sie in’s Wohnzimmer, wo Manfred am gedeckten Esstisch auf sie mit dem Frühstück wartete.

„Und du sagst, er wird wirklich nicht mehr kommen“?

„Das hat er so gesagt“.

„Was soll er denn sonst machen? An einem Sonntag?“

Tim hatte einfach genug gehabt. Genug von Sitzkreisen am Freitagabend in einem geschmacklos eingerichteten pseudo-Wohnzimmer mit durchgesessenen Spenden-Sofas; genug von der gespielten Coolness und den immer gleichen, schlecht begleiteten Liedern, bei denen immer die gleichen Leute mitsangen – oder auch nicht.

Seinen Großeltern davon zu erzählen war für ihn am schwierigsten gewesen. Sie erzählten noch oft davon, wie früher bestimmt 50 junge Erwachsene – darunter auch sie – den Jugendkreis gegründet hatten; inklusive Posaunenchor, Freizeiten und allem, was allem Anschein nach eben so dazu gehörte.

Und obwohl er sich längst schon von vielem verabschiedet hatte, zumindest innerlich, war er immer noch hingegangen. Zwar immer unregelmäßiger und lustloser, aber trotzdem noch – nicht, dass seine Großeltern anfangen würden, für ihn „zu beten“. Diese Vorstellung hasste er.

Denn wie ein leiser Ton aus einem anderen Zimmer hörte er, dass sich etwas Neues in ihm breit machte und begann, von ganz tief innen auszustrahlen; so, als wäre etwas endlich aufgewacht, was schon lange darauf gewartet hatte, von ihm gehört zu werden. Und obwohl an diesem Gefühl vieles verwirrend und traurig war, hatte es auch etwas tragisch-schönes. Natürlich würde er die wild-harten Jungschar-Zeltlager vermissen – wann sonst wäre er schonmal nachts mit einer Taschenlampe durch Wälder gerannt auf der Jagd nach den älteren Jugendkreismitgliedern, die ihre Lagerfahne geklaut hatten? – aber all das musste es auch wo anders geben.
Er ahnte, dass vieles von den Dingen, denen er nun nachtrauerte, eigentlich gar nicht so viel mit Glauben zu tun hatten – sondern mehr mit einem Gemeinschaftsgefühl. Irgendwie so jedenfalls hatte das mal jemand gesagt; und der Gedanke hatte ihn nicht mehr losgelassen.

Text 4

Nach allen Richtigkeiten, die ich lernte,
nach aller Kultur die ich verinnerlichte,
nach diesen ganzen getakteten Eieruhr-Veranstaltungen,
nach großen Sehnsüchten und kleinen Erfüllungen,
nach schweren Krisen und langsamen Erleichterungen,
nach Sitzkreis-Gemeinschaften und lahmen Erklärungen,
nach Erfahrungen von tiefem Unverständnis zwischen Menschen,

nach all diesem ganzen wunderschönen Unfug,
bin ich aufgewacht,
und wusste:

Alles ist in Bewegung.
Alles ist durchflutet.
Und es bleibt so.
Egal, was ich tue
und egal was ich denke.

Und jeder ist wirklich geliebt.
Selbst du
und selbst ich.

Ist das Vertrauen?
Wenn ja, dann feiere ich es wild-hart.

 

Text 5

Mein Glaube ist Unfug.
Weil er nicht weiß, nicht benennen kann, sich nur sehnt, so viel verloren hat, so wenig Neues gefunden. Doch irgendwie fühlt sich mein Glaube auch aufgewacht.
Aufgewacht, ganz langsam. Über viele Jahre, gerungen mit der Sitzkreis-Mentalität meiner Jugend. Weiche, chillige Stühle, die den Geist rauben, erlahmen lassen, das Bewusstsein beschränken, ach, dieses gemütliche Polster, da wird man ganz schläfrig, ach, wir mögen uns hier alle so, ach und dass wir auch alle das gleiche Glauben, ist das nicht schön!
Wären nur die da draußen nicht, diese wild-harte Welt! Wären sie doch auch richtig wie wir!
Der für das Eigene kritiklose Geist, langsam, aus ihm aufgewacht, bis der Horizont verschwamm, alle Ränder unscharf wurden und der Hahn dreimal krähte.

Heute: Mein Glaube als ironische Distanzierung von dem was war, aber auch der Versuch die Ironie zu überwinden. Nähe zulassen können, mich an Schönem, an Wahrem, an Gutem freuen können. Sehnsucht zulassen, nach dem Ewigen, nach dem Gefühl, mit allem eins zu sein, für alles da sein zu wollen, wohlwollend, liebevoll, aufgewacht.
Nicht immer nur rumeier(n), Ur-laub vom Ernst, vom Festlegen.

GOTT, kein Wort kann ES fassen.
Mein Verstand explodiert, kapituliert, rebelliert,
aber bleibt fasziniert,
umkreist diesen Gott, den uralten Turm,
umkreist ihn “jahrtausendelang.
Aber ich weiß noch nicht bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.” (Rilke)

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