Kirche ohne Gott

Keine Angst, das ist kein hysterischer Artikel, der beklagt, dass die Landeskirchen sich immer mehr von ihren christlichen Inhalten trennen und darum bald „ohne Gott“ dastehen. Das ist ein Artikel, der sich tatsächlich mit einer Kirche ohne Gott beschäftigt. Und zwar mit der sogenannten „Sunday Assembly“, die sich auf ihrer Website als „säkulare Gemeinschaft“ vorstellt. Die Bewegung startete 2013 in London und ist heute in weltweit über 70 Städten vertreten. Als ich neulich in der britischen Hauptstadt war, habe ich sie mir mal angeschaut.

Verplanter Student der ich bin, kam ich natürlich zu spät. Moderner Protestant, der ich auch bin, fand ich mich aber schnell zurecht: Ein Liedtext als Powerpoint, freundliche Menschen, die im Stehen sangen, danach eine Begrüßung, bei der alle Neuankömmlinge mal die Hand heben durften und so weiter. Die Sunday Assembly hat die Liturgie des klassischen evangelisch-freikirchlichen Gottesdienstes komplett übernommen. Nur der Namensgeber des Wortes fehlt. Man darf in die assembly nämlich jeden mitbringen – außer Gott.

Konsequent machte man keinen Worship, sondern sang Beatles und Coldplay. Auch mal geil. Statt der Schriftlesung gab es einen Gedichtvortrag. Es folgte statt der Predigt ein Vortrag über Quantenphysik, mit vielen Verweisen zu Walter Whites „Heisenberg“ in Breaking Bad. Obwohl ich Physik mit Pauken und Trompeten nach der elften Klasse abgewählt habe, traue ich mir eine Zusammenfassung zu: Man kann von einem Teilchen immer entweder nur den Ort oder die Geschwindigkeit, niemals aber beides gleichzeitig wissen. Darum, so der Big Bang Theory-Cosplayer, äh, Physikprofessor, ist in unserem Leben nichts mit Sicherheit bestimmbar. Auf diese Aussage kommen wir später nochmal zu sprechen. Nach dem Input hörte man statt eines persönlichen Glaubenszeugnisses den bewegenden Bericht einer jungen Frau und ihrer Reise weg von der Alkoholabhängigkeit. Am Ende standen alle auf, klatschten, umarmten sich. Es fühlte sich gut an – und machte doch wenig Sinn.

 


»Was will der Atheist bei der Meditation hören? Das Klicken seiner Synapsen?«

 

Denn die Sunday Assembly hat Probleme, ihre Agenda aufrecht zu halten. Und zwar in systematischer und ethischer Dimension. Laut Statuten[1] will sie einerseits eine „säkulare Versammlung“ sein, die „das Leben feiert“. Andererseits aber irgendwie auch den grauen Alltag mit „einem Schuss Transzendenz“ würzen. Nun meint aber „Transzendenz“ wörtlich das „Hinausgreifen“ des Menschen über die eigene Dimension. Also von dem Bereich, den ich mit Augen, Ohren, Nase – also meinen Sinnen – ergreifen kann, zu dem Bereich, der diesen Instrumenten entzogen ist.

Für das Christentum ist das die Dimension Gottes. Für die Sunday Assembly die Dimension von…naja offiziell eigentlich nix. Trotzdem wurde während des Gottesdienstes kollektiv meditiert. „Das muss aber nichts Transzendentes sein!“, mögen Anhänger des Neuen Atheismus hier einwerfen. „Man kann ja auch zur Besinnung kommen und auf sein Inneres hören!“ Kann man machen. Aber wem oder was in meinem Inneren soll ich – atheistisch gedacht – denn lauschen? Dem Klicken der Synapsen? Dem Blutrauschen in irgendwelchen Gefäßen? Meditation ist und bleibt auf die Transzendenz ausgerichtet. Wie diese spirituelle Übung damit in diesen Kontext passte, konnte mir niemand erklären.

Quasi-geistlich ging es auch beim nach-gottesdienstlichen Kirchencafé zu (hieß natürlich nicht so). Ich sprach einen Mitarbeiter mit Namensschild an („I’m Brian, and I’m here to help!“) und wollte mehr über die assembly erfahren. „Wir nehmen hier jeden auf – egal, was er glaubt!“ Hört sich gut an. Auch Menschen ausbeutende, Minderheiten unterdrückende Arschlöcher? Brian zögert nicht: Ja schon. Aber solche Menschen seien am Ende immer unglücklich. „Hast du schon mal was von Karma gehört?“ Am liebsten hätte ich zurückgefragt: „Hast du schon mal eure Satzung durchgelesen?“

 


»Das Kuchenstück essen und gleichzeitig behalten – das versucht die Sunday Assembly.«

 

Ich glaube, wenn die Sunday Assembly sagt sie sei „nicht religiös“, dann meint sie in Wahrheit „nicht christlich“. Und wenn sie schreibt, sie habe „keine Doktrin“, dann hält sie das nicht davon ab, sehr genaue Vorstellungen von richtig und falsch zu haben. Oder warum erhob sich nach jenem Zeugnis der trockenen Alkoholabhängigen der ganze Saal applaudierend mit Tränen in den Augen? Warum sagte keiner: „Ich finde Alkoholabhängigkeit aber spitze!“? Weil man hier – allen inklusivistischen Lippenbekenntnissen zum Trotz – eine ziemlich ausdifferenzierte ethische Agenda verfolgt. So klingt auch das offizielle Motto: „Live better, help often, wonder more.“ Mich nervt es, dass Atheisten sich so oft damit brüsten, Religion abzulehnen, weil sie eben in der Lage seien, die Dinge „zu Ende“ zu denken. Das ist bei der Sunday Assembly offenbar nicht geschehen.

Andernfalls könnte kein gescheiter Mensch ernsthaft der Hauptaussage der „Predigt“ über Quantenphysik zustimmen: Alles ist relativ und nichts kann mit Sicherheit gesagt werden? Ich kann mich also auf nichts verlassen? Nicht darauf, dass mein Partner mich liebt, dass es Menschenrechte gibt oder Mord schlecht ist? Yippie!

So verliert sich die weltanschauliche Unbescholtenheit der Sunday Assembly in der Bevorzugung des Lebensstils, den ihre Teilnehmenden mehrheitlich abbilden. Und das ist nur konsequent. Denn von einer radikalen Offenheit zu einem einheitlichen ethischen Konsens zu gelangen, gelingt in etwa so gut, wie das berühmte Kuchenstück gleichzeitig zu essen und zu behalten. Nämlich gar nicht.

 


»Dennoch: ein so ehrliches Zeugnis wie in der Assembly hab ich noch in keinem Gottesdienst gehört!«

 

Aber genug der Kritik. Ich konnte bei der assembly nämlich durchaus was lernen. Mir wurde wieder klar, wie groß das menschliche Bedürfnis nach Annahme ist. Irgendwie scheinen wir uns alle nach einem Ort zu sehnen, an dem wir einander vertrauen können, wo wir ehrlich sein dürfen, wo uns geholfen wird und wir erfahren, dass wir wertvoll und wichtig sind. Dass unsere Kirche in den Augen der Sunday Assembly-Sympathisanten dieser Ort nicht mehr sein kann, war für mich eine schallende und verdiente Ohrfeige. Denn Jesus Christus hatte ursprünglich etwas anderes im Sinn.

Eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel handelt von dem Zöllner Zachäus.[2] Er zieht Leute übers Ohr, ist fies und unbeliebt. Doch als Jesus ihm begegnet, muss Zachäus nicht erst zu Kreuze kriechen und Buße tun. Der Sohn Gottes isst mit ihm und wird sein Freund. Er nimmt Zachäus so an, wie er ist. Und eröffnet ihm dann, dass er nicht so bleiben muss. An welcher Stelle haben Jesu Jünger diese Fähigkeit nochmal verloren? Heute sehen Menschen die Kirche nicht mehr als Ort, an dem sie Zuflucht finden. Wohl aber Ablehnung und Rechthaberei. Ich bin seit meinem halben Leben Christ, aber ein so existentielles und ehrliches Zeugnis wie das der ehemaligen Alkoholikerin an jenem Tag in London habe ich in einem „echten“ Gottesdienst noch nie gehört.

[1] Unter sundayassembly.com/story.

[2] Lukas 19,1-10.

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