“Ich bin eh nicht so der Toleranz-Fan”

Dieses Gespräch haben Jason, Co-Autor bei neolog, Lehrer und im Leitungsteam der Düsseldorfer Gemeinde Mosaik, und Daniel schon letztes Jahr geführt. Aber wie das so ist und die Zeit vergeht…
In Teil Eins sprechen sie über Mosaik, über perfekte Gemeinden und Gemeinden für unsere Gegenwart.

Daniel: Jason, was darfst du in deiner Gemeinde nicht sagen?

Jason: Mittlerweile darf ich so ziemlich alles sagen. Ich bin immer mal auf der Suche, nach etwas, was ich nicht sagen darf. Aber mittlerweile, darf man eigentlich alles sagen. Na gut, beim Predigen haben wir so eine Regel: Predige nicht über deine Wunden, sondern über deine Narben.

Wie wärs mir „Ich wähle AfD“?

Das hat in einem Forum kürzlich jemand gesagt: Ach, dann wähle ich halt aus Protest AfD. Das kann man sagen.

Aber du gehst davon aus, dass die Person es letztlich nicht gemacht hat.

Ja.

Was müsste ich tun, damit du mich aus deiner Gemeinde werfen würdest?

Rassismus, glaube ich. Unser Pastor zum Beispiel ist schwarz. Wenn du dem sagen würdest: Du hast zwar nen deutschen Pass, aber eigentlich gehörst du nicht dazu – das wäre schwierig.

Keine Toleranz für Rassisten.

Ich bin eh nicht so der Toleranz-Fan. Mittlerweile hab ich damit ein Problem.

Wieso sich noch auf den Stress mit einer Gemeinde einlassen? Ich hab meinen Podcast, meine Freunde mit denen ich drüber diskutieren kann, auch wenn sie nicht alle bei mir in der Nähe wohnen…

Ich würde mich auch nicht mit jeder Kirche stressen. Es gibt gute Gründe bei vielen Kirchen zu sagen, dass das jetzt nicht mein Ding ist. Aber es ist wichtig, einen Ort zu haben, wo ich eine spirituelle Heimat haben kann, wo ich dazugehören darf. Man könnte sagen: Ich bin einfach ein fauler Mensch. Ich kriege es nicht hin, die Menschen, mit denen ich mich regelmäßig treffen und austauschen will, regelmäßig einzuladen. Das ist ein sozialer Aspekt. Kirche ist für mich auch der Ort geworden, wo ich die Welt mit anderen zusammen zu einem Stück weit besseren Ort machen kann. Verschiedene Dinge klappen halt nur, wenn man sich mit ein paar Leuten auch verbindlich zusammentut.

Wie lebt ihr bei Mosaik Kirche/Gemeinschaft? Wie lebst du es in deinem persönlichen Leben?

Das sind Dinge, die sich zum Teil sehr alt anhören. Predigt, Abendmahl oder Brot brechen, wie auch nimmer man es nennen mag, das ist wichtig für mich. Wir haben da das Prinzip geben und nehmen – jeder gibt und jeder nimmt Brot und Wein. Dieses „Das ist Gottes Liebe für dich“ erdet.
Aber auch gemeinsam Essen. Es ist sehr banal, aber sehr wichtig. Kirche ist aber auch der Ort, an dem ich Musik mache. Und Musik ist für mich atmen der Seele.

Hast du konkrete Rituale, die du jeden Tag/jede Woche, evtl zu bestimmten Tageszeiten an bestimmten Orten tust? Allein? Mit anderen/deiner Frau? 

Hm, ich lese theologische Bücher. Wir machen aber auch den Remix-Podcast. Der ist für mich eine Art Hauskreis-Ersatz. Darin setzte ich mit anderen Gedanken auseinander und schärfe meinen Glauben. Das sehe ich auch als geistliches Geschehen. Vor zwei Wochen haben wir eine Folge über Rassismus gemacht. Ich dachte bis dahin, dass ich kein Rassist wäre. Im Gespräch habe ich gecheckt: Mist, ich bin Rassist und ich hab da noch eine Menge zu lernen. Ich merke dadurch, dass meine weiße Prägung meinen Glauben ausmacht. Das check ich nicht selbst. Da brauch ich andere, die mir helfen, das zu erkennen.

Lebt ihr euren Traum von Kirche – oder hast du noch eine Vision, wo ihr noch hinwollt?

Oft geht es in Kirchen darum, wie man sie besser und effektiver organisiert, wie man mehr Leute bekommt, alles attraktiver macht und so. Darin sind wir ziemlich schlecht. Bei Mosaik schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Die Gemeinde ist extrem messy. Mosaik ist ja diese Metapher von zerbrochenen Teilen. Wir haben viele gebrochene Menschen, viele, viele mit großen Päckchen – vielleicht sind die auch einfach nur authentisch – die es aber trotzdem irgendwie schaffen, zusammenzuleben.

Weil ihr solche Menschen habt, seid ihr nicht so die krassen Performer, mit dem Wachstumsplan und den Träumen von neuem Gemeindesaal?

Wir geben uns Mühe, das mit den Strukturen auch hinzubekommen. Wir werden aber nicht an so Performer-Gemeinden rankommen. Unser Auftrag ist wohl eine andere Sache. Wir waren vermutlich die erste Freikirche in Deutschland, die Homosexuelle getraut hat. Daher kommt das wohl, dass bei uns viele Leute sind, die wo anders nicht so richtig reinpassen. Zugehörigkeit, auch wenn du nicht ins Schema passt, das ist uns wichtig.

Und etwas Konkretes, das du gerne anders machen würdest? Mehr Straßenevangelisation mit Traktaten zum Beispiel? 

Das auch – lacht – Nein. Anders. Wenn ich an eine erfolgreiche Gemeinde denke, kommt bei mir immer ein Bild in den Kopf: fette Gemeinde, fette Bühne, fette Band und vorne steht einer, der die Massen begeistert. Doch mich inspiriert dieses Bild nicht. Das Problem: Ich kenne wenig alternative Vorstellungen, was Gemeinde dann sein kann. Das wäre mein Traum: Gemeinde so zu leben, dass sie aus dieser Denkbox ausbricht, mit völlig anderen Strukturen.

So, dass ihr andere inspiriert?

Das wäre cool. Aber vielleicht nicht mit genau dem gleichen. Es wäre schön, wenn ganz unterschiedliche Dinge entstehen.

Aber ihr seid schon die progressivste und coolste Freikirche in Deutschland, oder?

Das hoffe ich – lacht – Nein. Ich glaube nicht.

Landeskirchen sind oft theologisch progressiv und langweilig – Freikirchen oft theologisch konservativ und “aufregend”. Seid ihr da die perfekte Mitte?

Naja, zwei Kilometer von Mosaik entfernt, haben wir in Düsseldorf eine der coolsten Landeskirchen, die unglaublich viel macht. Da müssen sich viele Freikirchen hinten anstellen. Also, ich will mich da gar nicht vergleichen. Für mich ist es wichtig, dass wir ein inspirierender Ort sind.

Naja, ich habe schon das Gefühl, dass Mischungen, wie eure Gemeinde, rar sind.

Hmm, vielleicht, aber ich habe schon den Eindruck, dass jetzt auch eine Generation von Leitern heranwächst, die die Dinge anders machen möchte. Aber klar, die Idee von Gemeinde wollen wir schon raushauen. Deswegen sind wir auch online so aktiv, machen den Podcast und so.
Ich merke, dass viele Freikirchler, die in traditionellen Gemeinden nicht mehr andocken können. Die sagen dann: Das geht nicht, und lassen dann den ganzen Gemeinde-Krempel hinter sich. Mein Wunsch wäre es, dass Mosaik ein lautes Ausrufezeichen sein kann, dass die Inspiration bekommen und zeigen, es geht auch anders.

 

… Zu Teil 2 des Interviews über die Herausforderung des Mainstreams, Trauung von Homosexuellen und religiösen Pluralismus.

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