Hossa Talk – Ein Jubilate auf den Podcast meines Vertrauens

Meine erste Folge Hossa Talk trug den verheißungsvollen Titel „Ex – Evangelisten unter sich“ und ich hätte keine bessere erwischen können.

Die beiden Gastgeber Jakob „Jay“ Friedrichs und Gottfried „Gofi“ Müller haben Thorsten Hebel zum Gespräch eingeladen. Die bessere Hälfte der hessischen Spaßmacher „Super-Zwei“ und zwei der ehemals angesagtesten Jugendevangelisten Deutschlands. In meiner Jugendzeit wäre diese flotte Combo noch der auf einen Talk verdichtete Beweis gewesen, dass fromm sein zwar immer etwas schräg, aber nicht völlig peinlich sein muss. Wenn solche Zugpferde eines so grundlegenden Anliegens evangelikaler Frömmigkeitspraxis wie der Evangelisation nun in gemütlicher Runde darüber talken, dass sie sich „für so etwas nicht mehr hergeben“, dass sie „diese Bekehrungskiste nicht mehr machen können“, kann einem schon mal das Losungsbuch aus der Hand fallen. Nicht weil ich ihr Unwohlsein nicht nachfühlen könnte, ganz im Gegenteil. Etwas geschockt denke ich: Was? Die jetzt auch? Wieso habe ich das nicht mitbekommen? Sind ich und meinesgleichen doch keine durch die liberalen Wasser des Theologiestudiums weichgespülte Sonderlinge? Nein, auch die Besten scheint es erwischt zu haben. Schön, dass wir da jetzt mal drüber reden! Schön, dass es dich gibt Hossa Talk!


»Und so ist Hossa Talk eine Art Therapiestunde und Jay und Gofi unsere Therapeuten geworden.«

Aber fangen wir etwas weiter vorne an: Worum geht’s ganz allgemein im „Jay und Gofi erklären die Welt“-Podcast?

Alle Talks haben ein verbindendes Anliegen: Es dreht sich stets um die Frage, wie christlicher Glaube in unserer verdammt kompliziert gewordenen Welt noch gelebt werden kann. Jay und Gofi starten ihre Überlegungen dabei natürlich nicht im luftleeren theologischen Raum. Denn beide haben die Luft einer vorbildlichen evangelikalen Karriere geatmet, bis ihnen irgendwann der Sauerstoff ausging und sie das alles nicht mehr wollten und konnten. Und so geraten ihre Talks stets zu einem Mix aus Vergangenheitsbewältigung und theologischer Neuorientierung. Auf dem Weg dahin haben sie etwas geschaffen, was man getrost als das Geheimnis ihres Erfolges bezeichnen kann. Zusammen mit ihren oft prominenten Gästen erschaffen sie einen Raum, in dem alles gesagt und gedacht werden kann – wovon dann auch kräftig Gebrauch gemacht wird. Stellvertretend für viele Hörer, die dem gleichen Kontext entstammen, wird alles in Netz geblasen, was in vielen Gemeinden aus Furcht hinter verschlossenen Mündern bleibt. Wenn daraus wie in der „Sex“ Folge auch mal ein wahres Sprachmassaker a la „ficken für den Herrn“ wird, geschenkt, schließlich gibt es ja auch einiges nachzuholen nicht wahr? Und so ist Hossa Talk eine Art Therapiestunde und Jay und Gofi unsere Therapeuten geworden. Sie sind für alle da, denen der Glaube der Altvorderen zu eng geworden ist und die einfach mal über alles reden müssen.


»Ein wenig Abrechnung ist da Teil der Show, aber nicht als Selbstzweck«

Die Themen der mittlerweile 69 Folgen sind, wen wundert´s, zum großen Teil aus den Schatzkammern ihrer ehemaligen evangelikalen Agenda entnommen. Die Auseinandersetzung reicht von solchen Grundpfeilern wie dem Umgang mit der Heiligen Schrift, dem Gebet und der Evangelisation, über Glaubensinhalte wie dem Sühnetod Jesus oder der Hölle bis hin zu allerlei heiklen sexualethischen Themen. Ihre gewöhnliche Vorgehensweise, knapp zusammengefasst, geht dabei oft etwa so: Wie wir es einst sahen; Warum das alles Bullshit war; Wie wir es heute sehen; Wie sehen wir es eigentlich heute? – Mh schwierig…; Naja das Alte war auf jeden Fall kompletter Bullshit! Ein wenig Abrechnung ist da Teil der Show, aber nicht als Selbstzweck. Letztlich geht es darum wie man weiter glauben kann – trotz all dem was eben nicht mehr einleuchtet. Wie genau das dann aussehen soll, tja da wird es oft ein bisschen unscharf. Hier unterscheidet sich Hossa Talk vom anderen Big Player der kleinen deutschen progressiven Landschaft, dem ohne Frage grandiosen Format Worthaus. Doch die theologische Klarheit eines Siggi Zimmers, wo immer „alles dafür und nichts dagegen spricht“ und sich „99% der Fachleute übereinstimmen“, kann einem auch schon mal die Luft zum Atmen nehmen.


»Bei Hossa Talk bleibt vieles Stückwerk, betont vage, tastend und manches auch schlicht offen«

Bei Hossa Talk bleibt da vieles Stückwerk, betont vage, tastend und manches auch schlicht offen. Gegen einen dogmatischen festgezurrten Glaubensfundus kann das schon mal hemdsärmlig wirken, so vorgeführt etwa im spannenden Talk mit Kritiker und Calvinverehrer Holger Lahayne in Folge 59. Als Schwäche ist es aber nicht unbedingt zu bewerten. Es ist nicht immer souverän – ja! Es ist nicht immer überzeugend – absolut! Man würde mit einer Folge Hossa Talk auf keine Spendentournee für neue alternative Gottesdienstformate durch die Gemeinden des Erzgebirges oder Schwarzwaldes gehen wollen – um Himmels willen! – Es öffnet jedoch das Tor zum Mitreden, reizt zu Widerspruch und fordert heraus den eigenen Standpunkt zu finden. Und so lassen sich Jay und Gofi nicht die redseligen Münder verbieten. Das ist gut so! Denn wir sollten uns nicht länger den Mund verbieten lassen von den Souveränen, den sattelfesten Dogmatikern und Bibelauswendigkennern – von denen, die so ganz genau wissen was Glaube darf und was nicht. Wer es genauso sieht, kaufe sich eine Hossa-Tasse im neuen Webshop – so als Statement.


»Die Menge derer, die Jay und Gofi beim „öffentlichen Nachdenken“ zuhören, wird stetig größer.«

Wer will, wird spielend Möglichkeiten finden Hossa Talk nicht ernst zu nehmen, theologische Leichtgewichtigkeit vorzuwerfen, oder was auch sonst, but: Who cares? Denn eines ist Fakt: Die Menge derer, manchmal flapsig „Hossa-Gemeinde“ genannt, die Jay und Gofi beim „öffentlichen Nachdenken“ zuhören wird stetig größer. Zeitweise bis auf Platz zwei der christlichen Podcastcharts bei iTunes haben sie es schon gebracht – Jubilate, ihr habt es verdient!

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2 Comments
  • […] auch schon mal eine „theologische Schieflage“. Blogger Georg Breitfeld freut sich in seinem Post, dass „sich Jay und Gofi nicht die redseligen Münder verbieten“ lassen. „Das ist gut so! […]

  • Schmittie

    5. April 2017 at 23:06 Antworten

    Äh? Die bessere Hälfte des hessischen Comedy-Duos?

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