Gott hat keine Kontrolle über die Welt

Im Bekanntenkreis war ein junges Mädchen unerwartet an einer Krankheit gestorben. Ich selber kannte sie nicht so gut, dennoch war ich sehr betroffen. Viele meiner Freunde und Bekannte waren ebenfalls geschockt, gerade auch, weil wir miterlebten, wie niedergeschmettert die Angehörigen waren. In einem bewegenden Gottesdienst nahmen wir gemeinsam Abschied, das ging sehr nah und machte nachdenklich. Wie kann man einen solchen Tod erklären? Was hilft Angehörigen, Freunden und Bekannten?

Während des Gedenkgottesdienstes hatte ein Gemeindepfarrer leider geglaubt, auf die im Raum stehenden Fragen antworten zu müssen. Er glaubte, das Kind habe sterben müssen, damit mehr Menschen von Gottes Botschaft angesprochen werden könnten. Dieser Satz hat mich nachhaltig irritiert. Er löste in mir einen massiven Widerstand aus, den ich lange nicht in Worte fassen konnte.

Abgesehen davon, dass diese Aussage unpassend und unsensibel war, hat sie die theologische Frage danach aufgeworfen, ob es überhaupt Sinn macht, Gott als ein allmächtiges, alles könnendes Wesen zu verstehen. Mein Gefühl angesichts dieses Todesfalls war, dass hier etwas außer Kontrolle geraten war. Aber diese Schieflage war in besagtem Gottesdienst schwer aushalten, also musste man sich gegenseitig darin bekräftigen, dass Gott schon alles unter Kontrolle habe.

 


»Ein Gott, der den Tod eines Kindes benötigt, um gehört zu werden – ist das wirklich ein Gott der Liebe?«

 

Nur, kann das stimmen? Oder helfen uns solche Sätze einfach nur, unangenehme Fragen wegzuschieben, um mit der eigenen Angst und der Absurdität solchen Leides klar zu kommen? Greift man deshalb zu Erklärungen, die hinter dem Bösen in der Welt eine Strategie Gottes vermuten? Fragt man sich dann aber nicht, was für ein Gott den Tod eines Kindes benötigt, um seine Botschaft unter die Leute zu kriegen? Ist das wirklich ein Gott der Liebe?

Mir war damals nicht bekannt, dass in der Theologie die Frage nach Gottes Allmacht bereits ausführlich diskutiert wurde und es beispielsweise im Bereich der Prozesstheologie hilfreiche Ansätze gibt.

Einer der Kerngedanken dieser Denkrichtung ist, dass Gott diese Welt nicht kontrolliert und nicht in der Lage ist, jegliches Leid zu verhindern. Das mag für viele Ohren ein krasser Gedanke sein, wahrscheinlich sogar ein zu krasser, das ist mir bewusst. Auf eine Art ist es aber auch ein unglaublich befreiender Gedanke. Denn wenn das Böse in der Welt nicht Teil von Gottes Plan ist, dann kann ich ein entschlossenes Nein zum Bösen finden. Ein Kind ist gestorben, Gott wollte das nicht und Gott konnte es nicht verhindern.

Lasse ich den Gedanken zu, dass Gott die Welt nicht völlig kontrollieren kann, werde ich schmerzhaft mit der Wirklichkeit von sinnlosem Leid konfrontiert. Es scheint ja vielen Menschen gut zu tun, wenn man hört, dass Gott nichts aus der Hand gleitet und der Tod eines Kindes am Ende doch zu seiner Herrlichkeit dient. Mit solchen Erklärungen kann man sich vielleicht ein bisschen über die Wucht solcher Ereignisse hinwegtrösten. Es ist gut möglich, dass der Schmerz ohne solch einen Trost viel schwerer zu ertragen ist.

 


»Gott begrenzt seine eigene Macht – damit wir ihm ein Gegenüber sein können.«

 

Aber ist das langfristig gesund? Kann es überhaupt gut sein, Sinn in etwas völlig sinnloses zu pressen? Beschönigende Floskeln, das Beschwören eines geheimnisvollen Planes hinter allem Leid, all das funktioniert am Ende vielleicht gar nicht und man sollte die Finger davon lassen.

Möchte man den Gedanken weiterdenken, dass Gott diese Welt nicht kontrolliert, dann hilft es darüber nachzudenken, was Macht überhaupt ist. Macht oder Kontrolle gibt es nur dann, wenn es ein Gegenüber gibt, über das man Kontrolle und Macht ausüben kann. Ohne ein Gegenüber gäbe es keine Macht. Sie wäre wie ein König ohne Königreich.

Viele denken bei Gott an eine unendlich große Macht, an Allmacht. Wenn Gott jedoch alle Macht hat, dann haben wir gar keine. Ohne jegliche Macht sind wir jedoch kein Gegenüber mehr, was aber notwendig ist, damit Macht überhaupt Macht sein kann. Allmacht löst sich damit selber auf.

Daher haben Theologen schon früh auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass Gottes Macht begrenzt sein muss, damit etwas neben Gott bestehen kann. Manche glauben, dass Gott sozusagen in sich Raum schaffen musste, damit in Gott Platz für etwas anderes, für ein Gegenüber Gottes sein kann.

Die Begrenzung von Gottes Macht ist für Prozesstheologen die Liebe. Gott macht aus Liebe Platz für uns und schenkt uns Menschen eigene Macht. Dieses Geschenk kann Gott nicht zurücknehmen. Er kann daran nicht vorbei. Er hat uns Macht gegeben, aus Liebe, damit er ein Gegenüber hat.

 


»Weil Gott Macht abgegeben hat, kann er bestimmte Dinge bislang nicht!«

 

In der Prozesstheologie wird die Macht Gottes daher nicht geleugnet, sie wird aber als die Macht der Liebe verstanden, die vielleicht die größte Macht überhaupt ist, weil sie Platz für etwas anderes schafft.

Das bedeutet, dass Gott aufgrund seiner Liebe nicht auf Zwangsmacht zurückgreifen kann, sondern nur auf die Macht der Überzeugungskraft. Was meint das? Gottes Überzeugungskraft ist die Kraft seines Wortes, mit dem er die Welt ins Dasein gerufen hat. Gott beruft die Welt, klopft an, flüstert und bittet, damit sich seine Geschöpfe in jedem Moment für seine guten Möglichkeiten öffnen.

Vielfach wird nun angeführt, dass Gott zwar allmächtig ist, seine Macht jedoch freiwillig begrenzt und darauf verzichtet, mit einem Fingerschnipp die Dinge zu ändern. Dieser Move ist charmant, löst aber das Problem des Bösen nicht, da wir alle Situationen kennen, in denen Gott aus Liebe eine Ausnahme machen müsste und es nicht tut. Daher möchte ich den Mut zusammen nehmen und glauben, dass Gott bestimmte Dinge bislang nicht kann.

 


»Gott kann manches Leid nicht verhindern – aber er nimmt daran Teil. Das weckt Hoffnung.«

 

Gott als in manchen Situationen ohnmächtig und schwach zu denken, ist wenig sexy. Mark Driscoll meinte  einst, dass er keinen Gott anbeten könne, den er zusammenschlagen könne. Aber zeigt uns Jesus am Kreuz nicht genau diesen Gott, den Menschen demütigen, foltern, verletzen und sogar töten können? Was, wenn das Kreuz nicht ein von Gott geplanter Rettungsweg war, sondern Gottes Solidarität mit der leidenden Schöpfung andeutet?

Am Kreuz sehen wir gerade nicht den Gott, der das Leid seines Sohnes herbeiführt und damit eine gute Absicht verfolgt, wir sehen Gott, der als Mitleidender teilnimmt an absurdem und sinnlosem Leid, das Gott nicht verhindern kann.  Nicht einmal bei seinem Sohn konnte er das. Die Hoffnung steckt nicht in einem Zweck hinter Folter und Ungerechtigkeit, der das Leid rechtfertigt. Hoffnung setzt darauf, dass Gottes Liebe, Überzeugungskraft und Kreativität stärker ist, als das Absurde. Gott gibt nicht auf, sondern schafft Neues und stellt Zerbrochenes wieder her. Wir dürfen auf Auferstehung hoffen. Gottes Liebe hat das letzte Wort, das ist christliche Botschaft.

Der Tod von Lara S. war absurd und sinnlos. Aber er ist nicht das Ende der Geschichte.

 

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5 Comments
  • bibeltagebuch

    24. April 2017 at 11:46 Antworten

    Bibeltagebuch hat einen völlig anderen Ansatz, wo Allmacht Gottes, Allwissendheit bestehen kann und trotzdem nicht zu einer oberflächigen Tröstung verkommt. Der Mensch trotzdem zu einem völligen „Gegenüber“ (würde lieber sagen: völligen Vereinigung in Christus und dem Vater) vervollkommend wird. Wo es dann trotzdem keine Erklärung braucht, warum Menschen sterben, mit Schuldzuweisung oder Göttlicher Art zu Botschaften.
    Sind aber der Übersetzung in menschliche Sprache nicht so mächtig Nur in der Verneinung des menschlichen Vermögens, Gott zu erkennen, zu verstehen, ohne Gottes Weisheit. Und dann doch, durch dieses „breite“ Evangelium (war es #Verbanntnochmal ? oder #hosenrunter, ne vielleicht #crexit. ) wo uns ein wenig aufgeht, das aus unserer Sicht noch nicht alles gesehen wird. Ohne dabei stehen zu bleiben #verkrümmt zu sein/zu bleiben. Siehe Begegnen einer krummen Frau mit Jesus.

  • david

    12. April 2017 at 21:37 Antworten

    Bibelwissenschaft.de hat eine schöne Zusammenfassung zu Allmacht und Bibel gemacht:
    https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/allmacht-gottes/ch/39c17676e2d87629a33a358a0bdb9625/
    Der Allmachtsgedanke scheint sich ein wenig durch hellenistische Übersetzungen und Denkmuster eingeschlichen zu haben.
    Jesus stellt Gottes Königreich immer wieder als subversiv vor. Diesem Gedanken folgend, finde ich die Idee spannend, dass Gottes Macht nicht Möglichkeit/Potenzial ist. Sondern die Fähigkeit unendliches Leid zu empfinden und auszuhalten, Beistand zu sein und zu lieben. Dieses Motiv findet sich durchaus in der Bibel. Auch wenn es sicher nicht unangefochten dasteht, da Gott in den vielen Zeugnissen der Bibel – sagen wir – heterogen gezeichnet wird.

    Ha! Postmoderne ftw: Eine Aussage machen und sie direkt wieder relativieren. Check!

  • Matthias

    9. April 2017 at 22:25 Antworten

    Die Idee eines Gottes mit begrenzter Macht ist nicht schlüssig. Das scheint mir dann doch eher eine Projektion am Werk zu sein. Ich halte unser Verstandeswerkzeug nicht für ausgeprägt genug, um uns von göttlichen Wesen eine wirkliche Vorstellung machen zu können.
    Davon abgesehen, ist die Bemerkung des Gemeindepfarrers total daneben. Ein sehr verletzender Satz, ohne jeden Trost…

    • Jason Liesendahl

      11. April 2017 at 13:31 Antworten

      Hallo Matthias,

      ich denke, dass man auch biblisch argumentieren kann. In der Schrift kommen verschiedene Aussagen vor, nach denen Gott bestimmte Dinge nicht kann. Beispielsweise kann Gott nicht lügen, oder sich selbst verleugnen (2.Tim 2,13). Bei Jesus heißt es einmal, dass er keine Wunder tun konnte, weil der Unglaube der Menschen dies verhinderte. Man kann natürlich hingehen und „negative Theologie“ betreiben, indem man sagt, dass man letztlich über Gott nichts sagen kann. Denkt man das zu Ende, frage ich mich, wozu dann Jesus? Wir glauben doch, dass in Jesus Gott sich mitgeteilt hat. Wozu die Bibel, auch darin stellt Gott sich vor? Hans Jonas hat in seiner Rede „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ plausibel dargelegt, dass wir die Denkbarkeit Gottes nicht opfern dürfen. Ohne Denkbarkeit Gottes (was ja nicht heißt, dass wir Gott völlig erfassen können) macht für mich Christsein gar keinen Sinn – im wahrsten Sinn des Wortes.

  • Matthias

    9. April 2017 at 22:19 Antworten

    Für Lara S. schon…

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