Einfach Jesus – Jesus einfach

Christentum heute

Wenn ich durch eine theologische Bibliothek gehe, bin ich begeistert von all den Büchern. Aber es drängt sich mir auch die Frage auf: Was ist eigentlich das Minimum, das jemand verstehen muss, um Christ sein zu können? Die Bibel alleine ist ja schon ein ziemlich dickes Buch, und meiner Erfahrung nach, hatten auch nur die allerwenigsten Christen die ganze Bibel gelesen, bevor sie Christ geworden sind. Und selbst wenn es jemand geben sollte, der das gemacht hat, so hat er beim ersten Mal doch bestimmt noch nicht alles verstanden.

Die Beantwortung der Frage wäre wesentlich einfacher, wenn wir in der Bibel selbst eine Checkliste für das absolute Minimum christlicher Grundkenntnis hätten. Ich lese die Bibel jetzt schon viele Jahre, aber mir ist eine solche Liste noch nicht begegnet. Dies lässt mich vorsichtig und nachdenklich werden. Selbst wenn wir einen solchen Text hätten, müsste der ja dann auch wieder interpretiert und übersetzt werden, um für uns heutzutage in unserer Kultur richtig verstanden zu werden und zu funktionieren. Angesichts der Streitigkeiten zwischen Theologen auch nicht gerade eine totsichere Angelegenheit.

Am Anfang: Die Botschaft von Jesus

Im 2. Kapitel der Apostelgeschichte wird erzählt, wie zum ersten Mal in der Geschichte Menschen Christen werden. (Die Bezeichnung „Christ“ wurde allerdings erst später erfunden.) Das Predigen konzentrierte sich damals auf die Person von Jesus. An diesem Mann aus Nazareth schieden sich die Geister. Die historische Existenz von Jesus bestreitet, soweit ich sehe, heute kaum jemand. Wenn es auch eine Menge, zum Teil sehr unterschiedliche, Überlieferungen und Vorstellungen von Jesus gibt, so ist doch klar, dass es um denselben Mann geht. Es ist ein Jesus für alle.

 


 »In diesem Sinne ist das Christentum eine zutiefst menschliche Religion: Sie ging von einem Menschen aus und hat für alle Bedeutung, weil alle Menschen sind.“«

 

In der Existenz dieses einen Mannes ist das Christentum historisch verankert. Hinzu kommt die Überzeugung der Christen aller Zeiten, dass alle Menschen (mindestens) ein Problem gemeinsam haben, und dass Jesus die Lösung dafür ist. In diesem Sinne ist das Christentum eine zutiefst menschliche Religion: Sie ging von einem Menschen aus und hat für alle Bedeutung, weil alle Menschen sind.

Jesus zieht an

Was bewegt Menschen dazu, einen gemeinsamen Weg einzuschlagen? – Damals war es die Person Jesus und dessen Aufforderung „Komm mit mir!“. Und je mehr sich das Evangelium verbreitete, desto unterschiedlicher wurden die Anhänger von Jesus. Das gemeinsame Bekenntnis nicht über, sondern zu diesem Mann, war aber etwas, das alle miteinander verband.

 


 »Das, was all die unterschiedlichen ersten Jünger zusammengeführt hat, war die Person von Jesus, und dessen Aufforderung „Komm mit mir!“«

 

Die Formulierung von gemeinsamen Glaubensbekenntnissen hat schon in der alten Kirche eine Menge Probleme gemacht und die mit ihnen verbundenen Fragen werden bis heute diskutiert. Ich denke, dies macht deutlich, dass auch Glaubensbekenntnisse nicht absolute, göttliche Wahrheit sind, die automatisch verstanden werden. Es sind menschliche Formulierungen menschlicher Sprache, die natürlich auch wieder interpretiert werden müssen, und die auch falsch oder missverständlich sein können. Wenn das stimmt, dann kann es auch kein selbstverständliches Glaubensbekenntnis als Grundlage für alle Gläubige geben. Sich zu Jesus zu bekennen, bedeutet für mich hingegen, sich mit diesem Mann und seinem „Programm“ zu identifizieren. Grundlage eines solchen Sich-Bekennens ist natürlich ein gewisses Verständnis von Jesus, das man zu dem betreffenden Zeitpunkt hat. Ein solches Verständnis ist aber naturgemäß immer unvollkommen, weil wir Menschen sind.

Unterschiede

Auch vor 2000 Jahren waren nicht alle Christen einer Meinung; und wer die neutestamentlichen Texte liest, bekommt einen Eindruck davon, wie massiv die Unterschiede zwischen den ersten Christen zum Teil waren. DENNOCH glaubten die ersten Christen, dass Jesus mit dabei ist, wenn seine Anhänger „in seinem Namen“ zusammen sind (Matthäus-Evangelium 18,20). Wir hingegen sind so gewöhnt an die Abgrenzungen zwischen christlichen Kirchen und Gruppen, dass wir es kaum wagen, uns eine andere Christenheit vorzustellen.

Einheit in Vielfalt

Mein Traum ist die Überwindung dessen, was uns trennt. Dies ist nicht nur wichtig für die Zusammenarbeit zwischen Christen und das Image von Jesus gegenüber der Welt, sondern auch um zu einer Form gesunden christlichen Glaubens für das hier und jetzt, für uns selbst und andere, zu finden. Wir brauchen einander und die Gemeinschaft miteinander, gerade weil wir verschieden sind.

 


 »Wir brauchen einander und die Gemeinschaft miteinander, gerade weil wir verschieden sind.«

 

Da Gott uns alle unterschiedlich gemacht hat, brauchen wir eine Form der Gemeinschaft, in der die Unterschiede nicht unterdrückt, sondern willkommen geheißen werden. Liebe, als Kennzeichen der Christenheit, kann am besten sichtbar werden in einer Gemeinschaft unvollkommener, unterschiedlicher Menschen, und nicht in einer Veranstaltung perfekter gleichgeschalteter Heiliger.

Einfach Jesus

In dem Versuch zu verstehen, was Gott durch Jesus vor 2000 Jahren Entscheidendes getan hat, führt uns Jesus heute auf ähnliche Weise zusammen, wie er vor 2000 Jahren Menschen zusammengeführt hat; und im gemeinsamen Leben kann das Geheimnis des Wirkens Gottes durch diesen Mann aus Nazareth auch heute deutlich werden. Jesus ist das Ziel und der Weg. Ich halte es für unbedingt Not-wendig, um der Sache Jesu willen und um unseretwillen, und für all die Menschen, die von Jesus noch keine Ahnung haben, dass wir zu einer einfachen Form des Christentums zurückfinden. Niemand braucht einen komplizierten christlichen Glauben. Das Leben ist schon schwer genug. Ich wünsche mir ein einfaches Christentum, mit einem scharfen jesuanischen Profil; auch wenn dies bedeuten würde, alte, mehr oder wenig liebgewonnene Traditionen aufzugeben. Ein Christentum so breit aufgestellt und so frei wie irgend möglich – um der Menschen und um der Sache Jesu willen.

Die entscheidende Frage lautet also nicht: Habe ich genug vom christlichen Glauben verstanden um mich Christ nennen zu dürfen. Es reicht aus zu fragen: Weiß ich genug über Jesus um ihm mein Vertrauen zu schenken? Dies ist eine Frage, die ich mir selbst beantworte, anstatt sie mir von anderen beantworten zu lassen. Und wenn ich eine Azubine oder ein Azubi bei Jesus geworden bin, dann fange ich an zu lernen, wie man mit Jesus lebt.

Jesus einfach. – Einfach Jesus.

Post a Comment