Ein Plädoyer für eine Kirche ohne Gemeinschaft

In der ersten Version dieses Textes wollte ich von meinem 14-jährigen Ich erzählen, das ein Tagebuch mit Gott schrieb, von einem Mädchen, das jahrelang Mitglied im Kinderchor war, Soli singen und Fürbitten vortragen durfte, von dem schüchternen und braven Mädchen, das man gerne neben den Altar platzierte. Von dem Mädchen, das davon träumte, selbst Gottesdienste abzuhalten, Pfarrerin zu werden. Ich hätte davon erzählt, wie es ist, eine Frau und die Tochter eines schwulen Vaters in der katholischen Kirche zu sein. Ich hätte vom Kämpfen und Versöhnen erzählt. Doch seit dem ersten Entwurf dieses Textes hat sich einiges geändert.

Ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Und an dem Tag, als ich aus der Kirche austrat, lächelte ich. Ich lächelte wie an dem sonnigen Märztag, als ich mein Studium erfolgreich absolvierte, wie an dem regnerischen Julitag, als mein Neffe geboren wurde.

 


»Ich wünsche mir eine Kirche ohne Gemeinschaft«

 

Aber natürlich gibt es das 14-jährige Ich noch, das kleine Mädchen, es ist ein Teil von mir. Das Ich, das bei all der Faszination für Gott und die Kirche tief im Inneren immer spürte, dass etwas falsch war. Und vielleicht kann ich es heute endlich benennen:

Ich wünsche mir eine Kirche ohne Gemeinschaft.

Gemeinschaften sind sicherlich die ursprünglichsten Formen des Zusammenlebens der Menschen. Wir begegnen ihnen Tag für Tag, sind Teil von ihnen. In der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, in der Freizeit. Auch ich bin Teil zahlreicher solcher konstanten und dynamischen Gruppen. Ich freue mich über das Heimat- und Wir-Gefühl in der Familie, den Zusammenhalt unter meinen Freunden, die Leidensgenossenschaft unter Kollegen. Ich fühle mich diesen Gruppen verbunden, weil wir etwas gemeinsam haben, weil wir in all der Unüberschaubarkeit der Welt etwas gemeinsam haben. Doch so sehr uns Gemeinschaften im Inneren zusammenbringen, so sehr können sie uns auch nach außen voneinander abgrenzen. Uns verschließen. Vor denjenigen, denen das Allgemeine, Vertraute, Übereinstimmende scheinbar fehlt.

Gemeinschaften sind im alltäglichen Tun und Schaffen, auch in meinem, lebensnotwendig. Oft auch herausfordernd, meistens geben sie Halt und Orientierung. Gemeinschaften ergeben Sinn.

Eine Gemeinschaft, die dies nicht tut, ist meiner Meinung nach die Kirche. Denn eine Gemeinschaft, die sich unter dem Dach Gottes verbunden fühlt, kann eigentlich nur folgende Mitglieder haben: alle Menschen. Ohne Ausnahme. Alle. Doch die habe ich in der Kirche nie gesehen. Im Gegenteil. In meiner Kirche versammelte sich die altbekannte Dorfgemeinschaft, die sich unter dem Deckmantel der Kirche, an deren Spitze ein paar einzelne Kleriker stehen, noch enger zusammenschnürte. Wie an der Spitze der Gemeinschaft Gottes überhaupt einzelne Menschen stehen können, ist mir sowieso ein Rätsel. Und noch mehr, wie sie es schafft, von einem Gott zu sprechen, der alles erschafft, umfasst, liebt, und sich dann selbst auszuschließen. Den Menschen. Den Menschen mit seinen angeblichen Fehlern, mit seinen vielfältigen Formen, mit seiner Einzigartigkeit. Die Kirche, die ich kenne, ist eine Gemeinschaft von Menschen gegen den Menschen.

 


»Ich schnappe mir Gott und schließe ihn in mein Herz. Nur für mich«

 

In der Gemeinschaft Gottes sollte die Einzigartigkeit regieren. Denn das ist, was uns verbindet. Das Menschliche. Und das ist, was ich mir zurückerobere. Was ich mir schon als 14-Jährige langsam zurückeroberte und heute mit meinem Kirchenaustritt vollendete. Ich schnappe mir Gott für mich allein, meinen heimlichen Gesprächspartner in dem Tagebuch oder abends im Bett oder im Schweigen.

Ich schnappe mir Gott und schließe ihn in mein Herz. Nur für mich. Ich spreche nicht über meine Beziehung zu Gott. Er ist für mich nichts, was diskutiert werden muss. Weil Liebe nicht in Worte zu fassen ist. Und unsere Liebe ist auch nichts, was ich teilen muss. Das geht nur Gott und mich was an. Doch keine Sorge, von Gott ist genug für alle da, schieb ihn dir unter den Pullover, leg ihn dir unters Kopfkissen. Schnapp ihn dir und lass ihn dir von niemandem mehr nehmen.

Mein Glaube ist für mich etwas zutiefst Egoistisches, Egozentrisches, das mir bedingungslose Liebe und Wertschätzung zusagt, mich als einen von sieben Milliarden Menschen anerkennt und erkennt. Der Glaube gibt mir die Gewissheit, dass Gott genau mich meint, dass ich als Einzelne zähle. Das ist der Sinn, der mich überleben lässt. Denn seien wir ehrlich: Wenn man länger darüber nachdenkt, seine Gedanken aus dem WG-Zimmer über den Hamburger Hafen über das Meer in die Sterne und die unendlichen Weiten des Universums in den Himmel, vielleicht sogar bis in das Reich Gottes schweifen lässt, so kommt man unweigerlich zu einem Ergebnis: Das ergibt doch alles gar keinen Sinn! Wir sind nur ein Blinzeln, ein Sandkorn im schläfrigen Auge, ein zufälliger Wimpernschlag. Oder bin ich der Schmetterling, der einen Tornado auslöst?

 


»Es ist die Selbstliebe, die der Nächstenliebe vorausgeht«

 

Gott gibt mir das Gefühl, ein Schmetterling zu sein. Er ist meine konstante Quelle der Hoffnung, an seinen Ast spinne ich meinen Kokon. Er ist der Ich-bin-da, ich kann und darf jederzeit und an jedem Ort bei ihm sein. Und auch wenn ich nicht bei ihm bin, gibt er mich nicht auf. Aus egoistischen Bedürfnissen glaube ich, dass Gott nicht für jeden auf dieselbe Art da ist. Er ist ein Vater, der all seine Kinder gleich liebt, doch jedes ganz besonders. Ich will nicht die Kleidung meiner älteren Geschwister auftragen, nicht ihre Ziele verfolgen. Ich glaube, dass mein Leben ein einzigartiges Geschenk ist, nicht nur geliehen. Und dass Gott es mit voller Absicht und mit Liebe ausgesucht hat.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Die Satzstruktur der Goldenen Regel lässt uns in dem Irrglauben, Nächstenliebe sei die Essenz der christlichen Liebe. Doch es ist die Selbstliebe, die der Nächstenliebe vorausgeht. Und genau hier setzt mein Glaube an. Ich hole mir Gott an meine Seite, der mich ohne Wenn und Aber liebt. Und in dem Glauben an ihn projiziere ich meine Liebe für mich. Ich sehe mich durch Gottes Augen. Und erkenne die Wahrheit. Meine Wahrheit. Ich lebe nicht für die anderen oder für eine Vorstellung meiner selbst. Ich stehe nicht im Dienst der Kirche, nicht im Dienst meiner Mitmenschen und auch nicht im Dienst Gottes. Ich lebe meiner selbst willen, eben weil ich lebe und nur ich. Und darin finde ich Sinn. Auch Jesus, der sich den Menschen am Rande der Gesellschaft zugewandt hat, hat nicht die Gemeinschaft dazu aufgerufen, sie zu lieben. Er hat sich zu ihnen an den Tisch gesetzt und sie dazu ermutigt, sich selbst zu lieben. Ihre gesellschaftlichen und selbstgewickelten Fänge zu hinterfragen. Selbst zu urteilen. Mensch zu sein.

Ich glaube an einen Jesus, der nicht nur Sprachrohr Gottes war, auch kein Opferlamm, kein Mittel zum Zweck. Ich glaube an einen Jesus, der den Spuren seines Vaters folgte, ohne darin zu versinken. Der seine eigenen Spuren hinterließ. Ein Leben.

 


»Gottes Tempel, das sind wir. Jeder einzelne von uns. Du. Ich.«

 

Die Gemeinschaft Gottes, die Gemeinschaft aller Menschen sollte keine Gemeinschaft sein, die sich nach innen und außen verschließt, sondern eine, die in alle Richtungen offen steht. Die sich für den Einzelnen öffnet. Für Jesus, ein in die Wirren des Lebens geworfenes Kind, das dessen Regeln und Strukturen hinterfragt, weil es den Einzelnen sieht, nicht die Herde, sondern das Schaf. Mit dem Urvertrauen in Gott und seine bedingungslose Liebe, die es im Zweifeln selbst erfahren hat. Es ist Teil einer Gemeinschaft, die sich für sich selbst öffnet. Jesus ist zugleich Gottes- und Menschenkind, öffnet uns die Augen für diese unauflösliche Bindung, den Bund Gottes, der nicht stets erneuert werden muss, sondern in unserer Natur liegt. In unserem Sein.

Eine Kirche, die eine solche Gemeinschaft umfasst, müsste alle anderen kleinen Gemeinschaften, Gruppen und Grenzen aufbrechen. Ich kenne nur eine „Kirche“, die das kann: Gottes Tempel. Und Gottes Tempel, das sind wir. Jeder einzelne von uns. Du. Ich.

Lasst uns nicht versuchen, eine Gemeinschaft im Namen Gottes zu bilden. Weil in ihr die Gefahr des Verallgemeinerns, des Gemeinen liegt. Lasst uns lieber Gefährten sein. Wegbegleiter. Offene Ohren, offene Augen, offene Herzen. Lasst uns nicht die beste Version unserer selbst sein, keine Ideale, keine Heiligen. Lasst uns alles und alle sein.[i] Menschen.

[i] „Wer die Minderheiten nicht versteht, kann auch die Allgemeinheit nicht verstehen. Wer die Würde und die Rechte der Minderheiten respektiert, respektiert die Würde und die Rechte aller, die der gesamten Menschheit“ (Charamsa, Krzysztof: Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. C. Bertelsmann, 2016. S. 203).

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5 Comments
  • Arne Bachmann

    29. Dezember 2017 at 10:46 Antworten

    Liebe Bernadette,

    sorry, ich habe Deine Antwort im Weihnachtsstress übersehen!

    Danke für die Antwort: das kann ich nachvollziehen. Und das klingt auch nach sehr bestimmten und leider typischen Erfahrungen in und mit kirchlichen Gemeinschaften.
    Ich finde das auch weiterhin gut, dass Du das so offen schreibst.

    Viele gehen ja ohne mal zu begründen, warum eigentlich. Ich fande das interessant:
    “Ich habe lange Zeit eine kirchliche Gemeinschaft erlebt, die eben für Individuen, für den Menschen, seine Ecken und Kanten, keinen Platz hat, sondern nur fürs Heilige, Ideale. ”

    Das kann ich nur unterschreiben: eine Gemeinschaft, die eben nicht stickig ist, sondern Raum zum Atmen lässt. Raum geben wäre da ein Stichwort.

    In diesem Sinne würde ich eine kleine Änderung vorschlagen in Deiner Überschrift: “Pläyodyer für eine Kirche als gastliche Gemeinschaft”. Das ist nämlich mein Thema, mit dem ich mich wissenschaftlich beschäftige.
    Die Idee ist folgende: wir gewähren Gastfreundschaft nicht nur dem “ethnisch Fremden, der an die Tür klopft”, sondern auch der Fremdheit in uns – den Ecken und Kanten, dem Nicht-Idealen. Und das tun wir gegenseitig und mit einer gewissen Verlässlichkeit. Das nennt man dann gastliche Gemeinschaft. Die gründet aber wiederrum darin, dass Gott uns Raum macht und “Gastfreundschaft” gewährt – das zentrale Symbol des Reich Gottes ist eben ein Tisch, der gut gedeckt ist mit gutem Wein und Leuten, die eigentlich nichts miteinander zu tun hätten.

    Ich glaube, dass das Gott immer noch so tut: Menschen in dieser Form an einen Tisch zu bringen und ihnen ausrichten lässt, dass sie mit ihren Ecken und Kanten dort willkommen sind. Das sie an diesem Tisch nichts tun müssen, um sich als würdig zu erweisen oder einem bestimmten Ideal entsprechen müssen. Da kann ich sagen: solche Annahme habe ich bisher nur in christlichen Kreisen erfahren. Und diese Annahme durchbricht die Tendenz des Menschen, um sich selbst in seiner Identität zu schützen, sich innerlich zu isolieren (das geht auch mitten in vielfältigen Beziehungen). Das ist ein “Drang in die Beziehungslosigkeit”, den man Sünde nennen kann. Und wo diese Annahme spürbar wird und der Drang in die Beziehungslosigkeit durchbrochen wird, da lernt man dann auch anderen Raum zu geben und sich gegebenenfalls selbst zurückzunehmen, wo das nötig wird. Weil dann auch nicht mehr “das Ganze meiner Selbst” auf dem Spiel steht – dieses Ganze ist ja schon angenommen. Ohne diese Annahme durch Gott – die Protestanten sprechen von der Rechtfertigung – geht es in allen Auseinandersetzungen sehr schnell “ums Ganze” und es bricht ein Kleinkrieg aus.

    Deshalb würde ich sagen: eine gastliche Gemeinschaft lebt von der Rechtfertigung und der Zusage Gottes. Das wäre dann auch mein zweiter Vorschlag: anstatt zu sagen: zuerst musss man lernen sich selbst zu lieben, dann kann man andere lieben, würde ich betonen: aus der Erfahrung geliebt zu sein, lernt man lieben.

    Und da wären wir wieder bei dem oben erwähnten Tisch. Ich glaube, Gott bringt weiterhin sehr unterschiedliche Menschen an einem Tisch zusammen. Und dort, wo das nicht nur geglaubt, sondern auch miteinander kommuniziert wird, dort ist schon Kirche. Vorausgesetzt: es findet in einer gewissen Öffentlichkeit statt, so dass andere die Chance haben dazuzukommen.

    • Bernadette Schlaffner

      2. Januar 2018 at 16:40 Antworten

      Lieber Arne,

      zuerst einmal: Frohes Neues! Die Kirche als Gastgeber anstatt (herrischen) Hausherrn – das finde auch ich ein schönes Bild, das funktionieren könnte. Ebenso die Beobachtung, dass besonders auch christliche Kreise gastliche Begegnungen möglich machen, kann ich durchaus nachvollziehen – dieses Potenzial sollte genutzt werden, ob im Namen Gottes oder des Menschen (wobei ich mich immer gern an “im Namen Gottes” störe; er kann für sich selbst sprechen).

      Ein Gedanke zu “aus der Erfahrung, geliebt zu sein, lernt man lieben”: Auch das kann ich unterschreiben, jedoch würde ich es nicht als letzten Satz festsetzen. Denn das eigene Lieben (andere UND sich selbst) sollte man nicht von der Liebe anderer abhängig machen, es wäre schade. Wo wir wieder bei Gott wären. Deshalb würde ich ergänzen: aus der Erfahrung, von Gott geliebt zu sein, lerne ich, mich selbst und andere zu lieben. Mein Gedanke ist, Gott als Chance zu sehen, als letzte Instanz der Liebe, wenn man nie gelernt oder verlernt hat zu lieben – sich selbst und andere.

      Gott erlaubt es mir, mich selbst bedingungslos zu lieben. Und andere bedingungslos zu lieben. Er lädt mich ein, lässt mich Gast sein und bildet mich dabei gleichzeitig zu einem guten Gastgeber aus. Gestern saß ich an seinem Tisch. Heute stelle ich einen Tisch zur Verfügung. Und morgen du. Und übermorgen wieder ein anderer. Wir klopfen jeden Tag an einer anderen Tür, erhalten Zutritt zu einem anderen von Gottes Tempeln (= wir, also du und ich). Dann ist Kirche dynamisch. Und gastlich. Nach außen und innen.

  • […] erschienen bei neolog – weiter […]

  • Arne Bachmann

    9. Dezember 2017 at 03:37 Antworten

    Liebe Bernadette,

    meine Freundin ist Pfarrerin einer evangelischen Landeskirche. Keiner besonders fancyen oder sexyen. Irgendwo auf dem Land in einem Speckgürteldorf.
    In die von den Nazis errichteten Kirche, die typisch brutalistisch, ausladend groß ist und ein unsympathisch großes goldenes Kreuz schmückt, kommen nur wenige Leute: die “mühselig” und beladenen, die, die oftmals ein bisschen unangenehm sind. Alle alt. Eine Frau, die besonders merkwürdig ist, geistig behindert. Ein Mann im Rollstuhl. Niemand, mit dem ich einen Urlaub verbringen möchte – nicht viele, mit denen ich mich sehr gerne unterhalten möchte. Niemand, den ich in meinem Leben “bräuchte”.
    Dann ist sie Ansprechpartnerin für alle möglichen Leute. Führt eine Fusion zweier Gemeinden durch. Hat kaum Freizeit, weil sie auf allen möglichen Dorfveranstaltungen erscheinen muss. Eigentlich keine optimale Umgebung für jemanden, der noch etwas im Leben will. Ich selbst gehe aus purer Pflicht mit hin.

    Einmal bekam sie eine Anfrage. Eine Frau fragte sie an: “Mein Mann ist gestorben. Er ist zwar aus der Kirche ausgetreten, aber blieb immer ein sehr gläubiger Mensch. Können Sie ihn trotzdem beerdigen?”. Die andauernden Beerdigungen, das ständige Umgebensein von Tod und der Fakt, dass kaum Junge in der Kirche sind, schleift sehr. Und dann solche Anfragen. Man will nicht als der Prinzipienreiter gelten. Aber ständig bekommt man gesellschaftlich den Mittelfinger gezeigt. Man fühlt sich irgendwie ausgenutzt. So als wäre man ohne Selbstachtung.

    Man fühlt sich schmutzig.

    Obwohl Sie es nicht machen müsste, hat sie es gemacht. Wieder einmal: Beerdigungsgespräch, Predigt vorbereiten – ganz individuell, denn wir sind ja alle, alle Individuen und werden natürlich ganz individuell mit unserer Geschichte gewürdigt. 2, 3 Stunden für jemanden investieren, den man nicht kennt. Wieder einmal. So etwas wie Liebe rein investieren. Bloß keine Routine aufkommen lassen.
    Dann: die Beerdigung. Alle ganz dankbar. Gute Predigt – und sie haben ja so schön laut gesprochen.

    Einige Wochen später ist dann die Frau auch noch aus der Kirche ausgetreten.

    Passt ja in die Zeit der BREXITE, der Sezessionen, der Abspaltungen. Passt in eine Zeit der Entsolidarisierung, wo jeder für sich selbst kämpfen muss. Wo jeder, für sich selbst die Antworten findet. Und wo niemand einen anderen in irgendetwas helfen kann – denn letztlich, letztlich: stehen wir allein da.

    Ja das Paradox des Glaubens hast Du gut erkannt: wir sollen als eine Gemeinschaft, die immer höchst partikular ist, den Gott bezeugen, der sich allen Menschen in Jesus Christus gezeigt hat. Der also für alle da sein will. Also: bevor man nun eine Gemeinschaft schafft, die kleiner ist als “alle Menschen”, dann lieber für sich bleiben?

    Ich will nicht moralisieren.

    Ich will nur fragen: machen wir uns da etwas vor. Bei dem Gedanken einer “ganz persönlichen Beziehung mit Gott”. Machen wir uns etwas vor, wenn wir meinen wir könnten Gott haben? So ganz für uns? Wer sagt dann uns die Dinge, die wir uns selbst nicht sagen können? Wo bleibt die anstrengende und unverzichtbare Auseinandersetzung mit anderen? Wo bleibt die Herausforderung?
    Also: Heraus-Forderung.
    Heraus aus dem Schneckenhaus? Heraus aus der warmen Stube, wo man mit der heißen Tasse Tee in der Hand Tagebuch schreibt. Wo man die Sepia-Farbenen Selfies macht und immer – selbst dann, wenn man unter Leuten ist – nur sich selbst begegnet?
    Heraus aus der Gefangenschaft in sich – incurvatus in se ipse: in sich selbst verkrümmt sein. Wir romantisieren das heute und merken nicht, wie unfrei wir werden.
    Der Zwang zu sich selbst erzeugt auch die Angst: “Bin ich noch ganz ich? Gehe ich Kompromisse ein? Habe ich schon alle Potenziale verwirklicht?”.

    Vergißt man nicht, dass wir uns selbst nicht haben können, dass wir uns nicht ergreifen können und wenn wir es versuchen, dann zerstören wir uns?

    Ich will nicht behaupten, dass es mir viel anders geht, ich habe auch keinen Bock auf die Leute. Aber zeigt das nicht eher, dass all das hochgetönte Reden über die ganze Menschheit und über die Liebe zu dem Einzigartigen sich etwas vormacht? Und spätestens bei der herrschsüchtigen Frau mit Mundgeruch und absolut schlechtem Kleidungsstil neben mir beim Abendmahl aufhört? Zeigt das nicht nur, dass wir trotz all des Geredes von Empathie, wo wir so gerührt sind von unserer eigenen Rührung, eigentlich unfähig sind zu lieben?

    Nein, begeistert bin ich auch nicht von den meisten Kirchen. Ja, ich finde es auch letztlich nervig – nutzlos, wertlos – Kirche zu sein. Dennoch: wenn in Jesus Gott zeigt, dass er nicht bei sich bleiben konnte, dass er nicht Gott sein will ohne uns – wie könnte ich dann bei mir selbst bleiben? Wie könnte ich andere, die einen Anspruch auf mich haben (Joh. 19, 27-28), sich selbst überlassen?
    Wie könnte ich eine andere Freiheit bezeugen, als die Freiheit, sich einen Moment lang zu vergessen, weil mir andere gerade wichtiger sind als ich selbst? Und ich in diesem Dasein für andere gerade mich selbst finde?

    • Bernadette Schlaffner

      9. Dezember 2017 at 17:39 Antworten

      Lieber Arne,

      herzlichen Dank für deine ausführliche und persönliche Antwort. Natürlich ist ein Plädoyer für eine Kirche ohne Gemeinschaft sehr überspitzt ausgedrückt, denn die Gemeinschaft an sich sollte natürlich nicht abgeschafft werden.

      Ich habe lange Zeit eine kirchliche Gemeinschaft erlebt, die eben für Individuen, für den Menschen, seine Ecken und Kanten, keinen Platz hat, sondern nur fürs Heilige, Ideale. Der Passauer Bischof Oster schrieb einmal zur Ehe zwischen Mann und Frau (gleichzeitig argumentierte er damit gegen homosexuelle Beziehungen), dass er wisse, dass diese ideale Liebesverbindung als Symbol von Gottes Liebe zu den Menschen gar nicht erreicht werden könne. Und da stellte ich mir die Frage, ob es auf Dauer nicht krank mache, immer mit dem Kopf nach oben durch die Gegend zu laufen, anstatt die Augen horizontal auf die Welt zu richten – und sich selbst und dabei auch die anderen zu sehen.

      Denn die wahre Selbstliebe, wie ich sie mir vorstelle (und vielleicht auch idealisiere), hat eben nichts mit Narzissmus zu tun, sondern damit, den eigenen Wert und dabei gleichzeitig den Wert jedes anderen Menschen anzuerkennen.

      Mein Glaube ist für mich nun eben genau dieser geschützte Ort, an dem ich mir den Blick auf mir erlaube, den Egoismus, der nicht entsolidarisierend ist, sondern ganz im Sinne der Goldenen Regel “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”. Nur wer sich selbst liebt, kann wahre Liebe schenken. Muss ich also nicht erst lernen, mich selbst zu lieben? Werde ich dadurch nicht erst zu lieben fähig, also so wirklich, bedingunglos, wie Gott es tut? Sollten wir nicht darauf verzichten, eine Gemeinschaft in seinem Namen zu gründen, sondern in unser eigener Namen und er ist mitten unter uns – Jesus als Bruder?

      Die Beschäftigung mit dem eigenen Menschsein ist eine Herausforderung, auch eine Heraus-Forderung, aus der Komfortzone. Aus der Versuchung, den eigenen Sinn immer woanders zu suchen, den Sinn von anderen zu übernehmen. Reicht es nicht, einfach Mensch zu sein? Wer sich selbst erkennt, kommt eben nicht zu der Erkenntnis, dass er allein ist. Sondern zu der Erkenntnis, dass es neben dem Ich auch Milliarden Dus gibt, die es lohnt kennenzulernen, und die sich darauf freuen, mich kennenzulernen.

      Vielleicht finden andere diese Selbstliebe im gemeinsamen Gebet, im Wallfahrten, im Gottesdienst, in der Beichte etc. Ich habe es nicht. Deswegen bin ich aus der Kirche ausgetreten. Und wende mich jetzt weltlichen Gemeinschaften zu, zum Beispiel solchen, die Frauen und Homosexuellen eine Stimme geben. Für sich selbst und für die anderen.

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