„Do what you can’t“ – oder: Was treibt mich an?

YouTube kann mehr als Katzenvideos: Seit ein paar Wochen entdecke ich die Plattform wieder ganz neu für mich als einen Ort, an dem sich Kreative und Künstler austauschen und vernetzen. Unter anderem, seit ich auf Casey Neistat gestoßen bin. Casey ist ein Phänomen: Vlogger, Youtuber, Influencer. Mit einer Mischung aus Wahnsinn, Kreativität und Humor macht er größere und kleinere Filme, die täglich Millionen von Menschen erreichen. Ein Thema, das sich durchzieht, ist sein ganz persönlicher Weg zu seinem Erfolg als YouTuber. Der Mann hat eine „from rags to riches“-Story, zu der als Soundtrack „God bless America“ quasi vorprogrammiert ist: Als mittelloser Schulabbrecher nach New York City gezogen und durch harte Arbeit und Ehrgeiz Ruhm und Anerkennung verdient. Und viel Geld. Und nebenbei einen ganz eigenen Stil in die Film-Branche gebracht. Dickes Konto, schöne Frau, süßes Baby – zack fertig, „if you can make it there, you can make it anywhere“ in Reinform!

Vor ein paar Tagen kam ein neues Video von ihm raus: „Do what you can’t“. Eines, das stellvertretend für viele andere seiner Clips steht – vor allem auch, was den Grundton und die Message dahinter angeht. Am besten, du schaust es dir selbst an, bevor ich sage, warum mich das Video so beschäftigt:

Mal davon abgesehen, dass mich diese ganze (typisch-Casey-Neistat-)Ästhetik anspricht, finde ich auch den Inhalt unheimlich inspirierend: Mach das, was in dir steckt; egal, ob dir irgendwer versucht es auszureden – seien es Lehrer, Eltern oder gesellschaftliche Konventionen! Geh raus, nimm dein Leben in die Hand, lass dir von niemandem einreden, dass du es nicht schaffen kannst! Ja man; warum sollte ich nicht „Erfolg“ haben (was auch immer das heißt), wenn ich bereit bin, hart dafür zu arbeiten und meinen Passions folge? Anything is possible!

Ich meine das nicht ironisch. Die ein oder andere hauseigene Hummel im Arsch fühlt sich jedenfalls in Bewegung versetzt. Ganz ehrlich, ich finde, dass Video könnte glatt als Übersetzung des „Schöpfungsauftrags“ durchgehen: In 1. Mose 2,15 gibt Gott den ersten Menschen den Job, diese unfassbar geniale und dynamische und vor Entdeckungs- und Entwicklungsmöglichkeiten strotzende Welt zu „bebauen und zu bewahren“ – also zu erforschen; das Potenzial zu entdecken; etwas daraus zu machen. Quasi so, als hätte er uns auf ein riesiges Geschenk namens Erde gesetzt – und wir dürfen jetzt bis in alle Ewigkeit die an allen Ecken und Enden versteckten Möglichkeiten auspacken. Dafür brauchen wir kreative Freiheit und keine Denkschranken; Phantasie und Vorstellungsvermögen statt blutleere Anpassungs-Mentalität … eben genau das, was die Casey Neistats dieser Welt auszeichnet und einzigartig macht – und warum sie mich so inspirieren.

 


Preach it, Casey; YouTube ist deine Kanzel, und ich Teil deiner Gemeinde!

 

Und trotzdem. Trotzdem bleibe ich an einem Gedanken hängen, der mir im Umfeld der Young Creatives und Start-Up-Gründer immer wieder begegnet, beispielsweise auch bei Matthew Mockridge, dessen Buch „Dein nächstes großes Ding“ ich letzten Sommer gelesen habe. Konkret frage ich mich, woher dieser Antrieb kommt, etwas zu (er)schaffen – und wozu das ganze dient. Bei Casey und Matthew klingt es so, als würde es „in ihnen“ stecken; als müsste es einfach raus. Da kann ich noch mitgehen und das ganze theologisch sogar irgendwie mit oben beschriebenem Schöpfungsauftrag zusammen bringen. Bleibt die Frage: wozu das Ganze. Und da spüre ich eine ganz schön krasse Überforderung, auch in diesem Video: Es geht nicht nur darum, dass du alle Möglichkeiten hast, dein Potenzial auszuschöpfen und dich zu entfalten (und du dir im Zweifelsfall diese Möglichkeiten der „Eliten“ zum Trotz nehmen sollst). Nein, es geht eigentlich sogar weiter:

 


Du musst etwas aus dir und deinem Leben machen – sonst versäumst du das Leben selbst!

 

Der großartige Zuspruch, alles aus sich machen zu können, kommt mit seinem hässlichen Zwillingsbruder daher: Dem Anspruch, für Erfolg und Misserfolg des eigenen Lebens ganz allein selbst sorgen zu müssen. Kann ich das denn? Kann ich das aus mir heraus produzieren?

Zugegebenermaßen: Offensichtlich setzt dieser Gedanke enorme Kräfte frei. Besonders in Verbindung mit dem Gedanken, dass „wir“ es diesen Eliten schon zeigen werden: Denen, die uns wahre Freigeister als Abschaum behandeln und die Möglichkeit zum Gestalten wegnehmen! Und während sie noch an Deck der Titanic ihren Champagner schlürfen, sind wir „the fucking iceberg“ (s. Video) – und stolz darauf; stolz, etwas aus uns selbst gemacht zu haben, allen zum Trotz! Aber als Christ glaube ich dieser Story nicht so ganz. Ich sehe, dass sie Menschen zu unglaublichen Leistungen antreibt – aber ich kann und will sie trotzdem so nicht mitgehen. Ich glaube nicht, dass ich ganz allein und kraft meiner eigenen Anstrengungen mein Leben erfolgreich leben kann. Dass die Entscheidung, ob mein Leben „es wert“ war, von mir selbst abhängt. Als Christ bestehe und hoffe ich darauf, dass diese Bejahung schon längst und vor all meiner Leistung passiert ist. Ja, ich glaube, dass ich mein Leben tatsächlich anpacken und gestalten muss. Und ich glaube auch, dass ich das richtig an die Wand (oder in den Eisberg) fahren kann. Aber ich glaube, dass ich dann in Gottes Annahme hinein scheitern würde; dass er trotzdem weiter Fan von mir bleibt – egal, wie mies meine Performance sein mag. Mein Wunsch ist, dass gerade diese Erkenntnis mich beflügelt.

Aber kann sie das?

 


Funktioniert diese christliche Story vom Leben als Geschenk, das ich mir nicht verdienen muss?

 

Wenn ich die Energie sehe, mit der ein Casey Neistat seine Ziele verfolgt und wie wenig Motivation dagegen ich manchmal aufbringe, obwohl ich doch eigentlich die viel tollere Voraussetzung dafür haben sollte, dann bringt mich das schon ins Nachdenken. Haben wir als Kirche nicht unendlich viel noblere To-Dos, als uns selbst“ zu beweisen? Sollte uns nicht der Wunsch „wie im Himmel so auf Erden“ beflügeln? Uns angesichts der unendlichen, noch ganz schön un-himmlischen Herausforderungen zu Höchstleistungen antreiben? Gerade weil es dabei nicht darum geht, dass ich am Ende sagen kann, es allen gezeigt und mich selbst so gut es geht verwirklicht zu haben?

Achtung, ein Harmonieversuch. Vielleicht liegt die Lösung darin, beides zusammen zu denken. Einerseits: Die großen, schönen Ziele Gottes für diese Welt. Und unsere Freiheit, diese Ziele mit umzusetzen – ohne, dass unser Wert von unserer Leistung in diesem Himmelsprojekt abhängt. Und andererseits die Erfüllung und der Stolz; ja die Genugtuung, wenn ich wirklich etwas erreicht habe. Zeit, dass wir in unseren Kirchen die Erfolge mehr feiern! Und nicht in eine falsche Demut abrutschen, die vergisst, dass Gott tatsächlich uns mit unseren ganz eigenen Ideen und Phantasien und Fähigkeiten im Team haben möchte – nicht als austauschbare Roboter, sondern einzigartige, mit Kreativität und dem Drang, „etwas zu (er)schaffen“ ausgestattete Menschen. Das ist dann Ebenbildlichkeit im besten Sinne. Gut, dass Casey mich daran erinnert hat.

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4 Comments
  • Anne

    7. November 2017 at 13:07 Antworten

    Puh, 1. Mose 2,15 als Aufruf zur (ich spitze jetzt mal zu) Selbstverwirklichung? Da finde ich überstrapazierst du den Vers. Das klingt, als würdest du dir selbst mit einem Bibelvers eine Erlaubnis geben wollen, tolle Dinge zu tun und darauf stolz sein zu dürfen.
    Ich tue mich mit den Casey Neistats dieser Welt ungemein schwer, weil sie Selbstverwirklichung so einfach aussehen lassen. Rob Bell ist da bei seinen Podcasts auch manchmal so ein Kandidat (wobei ich ihm das nachsehe, weil ich irgendwo einfach Fangirl bin ^_^), wo er mit manchen Gästen den Eindruck vermittelt, du musst nur dem Folgen, was in dir ist, und dann wirst du das tun, was du liebst. Das kann einen mit seiner gegenwärtigen Situation sehr unzufrieden zurücklassen, weil du gerade nicht genau das tust, was du liebst, oder weil du gerade nicht weißt, was das genau ist. Klar, es kann auch gut sein, eine hoffnungsvolle Perspektive aufgezeigt zu bekommen, aber ich finde, das ist eine ziemliche Gradwanderung.
    Und (ich weiß, das ist jetzt eine Keule, aber ich kann nicht anders) wenn ich mir 90% der Welt anschaue, dann scheint mir die Frage, wie ich meinen Leidenschaften folgen kann, so irrelevant. Weil Menschen arm sind oder in Abhängigkeit, weil sie froh sind, überhaupt einen Job zu haben, mit dem sie etwas zu essen auch den Tisch bringen können, weil sie einsam sind, weil sie krank sind, weil sie das Gefühl haben keine Mittel zu haben, um über ihr Leben bestimmen zu können. Wie geht man angesichts dessen mit seinem Privileg um? Ich glaube die einzig ethisch vertretbare Antwort ist, du machst das Beste aus deinen Fähigkeiten und Leidenschaften zum Wohl anderer Menschen. Darf man dann darauf stolz sein? Ich finde nein, und man kann gar nicht genug echte Demut dabei empfinden, dass man aufgrund seines privilegierten Lebens eine Tätigkeit ausüben kann, die einen erfüllt, während sich dem Großteil der Weltbevölkerung diese Option gar nicht stellt. (Sagt die privilegierte Frau.)
    Noch ein Gedanke zur Unzufriedenheit: Der Ethnologe Arjun Appadurai spricht in seinen Abhandlungen zu Globalisierung von „global imageries“ und einem „ global flow of images“. Damit meint er, dass im Zuge der Globalisierung Ideen von einem besseren, anderen Leben durch Medien global viel weiter zirkulieren und viel besser zur Verfügung stehen, als das vor 20, 50, 100 Jahren noch der Fall war. Und dass diese Informationen darüber, wie es anderen Menschen anderswo besser geht, es für Menschen in ärmeren Regionen noch viel schwerer macht, mit ihrem Leben zufrieden zu sein und das Beste aus dem zu machen, was sie haben. Und dazu tragen meiner Meinung nach auch die Casey Neistats dieser Welt extrem bei, weil sie suggerieren, dass auch arme Menschen es zu etwas bringen können. Dabei wird völlig außen vor gelassen, dass allein schon die Nationalität und die Ethnizität, mit der Casey Neistat geboren wurde, ihm völlig andere Möglichkeiten aufschließt. Die Geschichte, die er verkörpert, ist anziehend, weil sie Hoffnung gibt, aber meiner Meinung nach eine falsche, irreführende, die Menschen auf einen Pfad bringt, auf dem sie nur noch unglücklicher werden.
    Ich finde, es wird Zeit, dass wir aufhören, immer wieder nur die Geschichten der Gewinner zu feiern, der Menschen, die gegen alle Wahrscheinlichkeit es zu etwas gebracht haben und etwas aus sich gemacht haben. Denn es sind die Geschichten der Verlierer, die uns zum fragen bringen: was müssen wir ändern, damit diese Welt für möglichst viele Menschen ein guter Ort ist?

  • Lorenz Timnik

    31. März 2017 at 23:07 Antworten

    Hey Astrid, vielen Dank für deine Gedanken… ich denke auch immer noch darüber nach; hier mal ein paar Folgegedanken nach deinem Kommentar:

    Stichwort „Erfolg“: Ich finde, das mit dem Siebtklässler ist ein ganz gutes Beispiel. Erfolg kann man ja an seinen „Zielen“ messen… und ich denke, nicht Alles, aber Vieles in Gemeinden kann in kleinere, zeitbegrenzte und darum „messbare“ Ziele umgemünzt werden… und dann hat man auch etwas, worüber man sich freuen kann. Also, bspw: Das Ziel, dass die alleinerziehende Mutter an 2 Tagen pro Woche eine Hilfe aus der Gemeinde hat. Oder dass über die nächsten 3 Monate mindestens 3 Siebtklässler in die offene Arbeit kommen.
    „Beziehungsqualität“ kann man natürlich nicht messbar machen. Aber man kann kreativ messbare Aspekte formulieren – und daran dann Entwicklungen ablesen… oder so? Und diese dann eben feiern!

    Und überhaupt: unsere Ziele sind ja eben nicht „Selbstverwirklichung“, sondern „Selbsthingabe“… Es geht ja nicht darum, dass „wir“ erfolgreicher werden, sondern: Dass jemand anderes ein bisschen Reich-Gottes-Erfahrung schnuppern durfte…

    Ich merke aber: Dafür brauche ich definitiv immer wieder die Perspektive weg von mir – sonst geht es natürlich darum, ob ICH !meine! Ziele umgesetzt kriege… Aber „Glaube“ ist ja genau das, irgendwie – sich nicht mehr um sich selber kreisen müssen… in so einer „reinen“ Form würde also Erfolge feiern per Definition das Feiern von mehr „Leben“ anderer Menschen sein.

    Und trotzdem werde ich den Stachel nicht so ganz los, dass dieses „du-musst-es-dir-nicht-verdienen“-Ding mich manchmal eher faul und träge statt hummelig macht.

    • Astrid

      3. April 2017 at 15:28 Antworten

      Hm …

      Der Begriff „Erfolg“ macht mir nach wie vor Probleme. Vermutlich schieße ich über’s Ziel hinaus, weil/wenn ich hinter der von dir beschriebenen Art, Ziele zu setzen, gleich ein „wirtschaftsprinzipiengläubiges Machbarkeitsdenken“ wittere. Klar ist „Ziele setzen“ hilfreich und wohl unerlässlich.
      Aber was ist denn, wenn einfach keine (neuen) Siebtklässler kommen? Wer hat dann versagt?
      Und was, wenn zehn kommen? Oder 100? Wessen „Erfolg“ ist das dann?

      Und noch ein Gedanke, der mir in den letzten Tagen kam: Mit diesen „kleinen, messbaren Zielen“ versuche ich ja etwas zu planen, was für mich realistisch machbar scheint.
      Aber passt nicht für uns Christ/innen gerade auch der „Do what you can’t“-Satz?! Weil wir durch Gott auch Sachen machen können (oder Gott durch uns?!), die wir „aus uns heraus“ eigentlich nicht könnten?! Stichwort „Heilige Geistkraft“ und so …

      Mir ist dazu Römer 12,11 in den Sinn gekommen: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“
      Ja – das Bild von Gottes Geist im Herzen finde ich erstmal sympathischer als das mit den Hummeln wo-auch-immer-im-Körper. 😉 Und vom Ergebnis her könnte es ja eine ähnlich heilsame Unruhe zur Folge haben.
      Aber da wären wir natürlich wieder bei der großen Frage aus deinem Post:

      WARUM IN ALLER WELT IST ES DANN OFT NICHT SO??

  • Astrid

    30. März 2017 at 22:19 Antworten

    Spannend, spannend, spannend!

    Deine Gedanken haben bei mir einiges in Bewegung gesetzt. (Nicht nur – aber auch – ein paar „hauseigene Hummeln“. *g*)

    Das Stichwort „Erfolg“ geht mir zum Beispiel nach. Du fragst ja selbst, was das eigentlich bedeutet. Welche Art von Erfolgen sollten wir denn in unseren Kirchen „mehr feiern“? Ich merke: ich hab wohl tatsächlich ein so starkes Negativbild von arrogantem, selbstverliebtem frommem Triumphalismus vor Augen, dass ich es für die geringere Gefahr halte, hier und da mal etwas „in die falsche Demut abzurutschen“. Ich sehne mich nach echter Demut in unseren Gemeinschaften. Die schließt ja durchaus ein, dass wir wissen und nutzen, was Gott Großartiges in uns hineingelegt hat.

    Naja, und wenn wir dann feiern, dann vielleicht nicht unser neuestes edgy Projekt?!
    Sondern beispielsweise den problembeladenen Siebtklässler aus unserer offenen Arbeit, der es geschafft hat, zwei Wochen am Stück in die Schule zu gehen (und dabei niemandem in die Fresse zu hauen)? Oder die sitzen gelassene Mutter von zwei Kleinkindern aus der Nachbarschaft – weil sie es schafft zu überleben?

    Hm. Vielleicht töte ich aber auch die Hummeln zu schnell wieder ab … 😉

    Denn das ist ja wirklich auch noch eine immens starke Frage (wenn auch wohl auf einer anderen Ebene): Müsste die Botschaft von bedingungsloser Liebe nicht stärker beflügeln als der „Ich-werd’s-euch-allen-zeigen“-Antrieb?! Steckt nicht vielleicht sogar hinter vielen „Ich-muss-was-aus-mir-machen“-Ambitionen gerade die Sehnsucht nach einem solchen un-bedingten Angenommensein, von dem wir Christ/innen erzählen (und aus dem wir leben!) könn(t)en?

    Ach ja, ich merk schon. Ich hab noch einiges zum Weiterdenken. 😉

    Danke für den Beitrag. Und auch die anderen Artikel auf dem Blog find ich übrigens super und sehr inspirierend.
    Ich freu mich auf mehr von euch!

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