Die Schönheit der Unterschiede

Es gibt eine richtig große Herausforderung für unsere heutige „fromme Welt“, an der Vieles zerbrechen könnte: die Unterschiede. Nicht nur die Unterschiede, die unsere Gesellschaft durchdringen, sondern auch die unter uns Christen. Da sind Charismatiker, dort Bibeltreue. Da sind Konservativen, dort Liberale. Hier gibt es die Evangelischen, dort die Katholischen. Da Linke und dort Rechte. Da Liturgische, dort Event-Orientierte… Die Liste der Labels ist lang und irgendwo in diesem Durcheinander findet jeder Fromme sein Plätzchen. Alle haben wir ein gemeinsames Problem: Die meisten Leuten denken und leben völlig anders als wir selbst. Und wir haben keine Ahnung, wie wir damit umgehen sollen. Wir selbst sind ja überzeugt, dass unser Weg der richtige ist und fragen uns schon lange, warum nicht alle längst auch so denken. Das ist irritierend – für mich zumindest.

 


Wir selbst sind überzeugt, dass unser Weg der richtige ist und fragen uns schon lange, warum nicht alle längst auch so denken.

 

Dazu kommt, dass die christliche „Story“ bzw. die Bibel selbst uns nur begrenzt Hinweise geben, an dieses Problem heranzugehen.[1] Einen wirklichen Umgang muss man selber finden. Und Selberdenken ist anstrengend.

Erschwert wird das ganze noch dadurch, dass einige klassische, prägende Bibelauslegungen und geistliche Bilder eher von Trennung, als von Einheit dominiert werden. Da der Himmel, dort die Hölle. Da die Gläubigen, dort die Heiden. Da die Sünder, dort die Gerechten. Da die Rechtgläubigen, dort die Irrlehrer. Da ist der schmale Pfad in die heiligen Hallen des Reiches Gottes, dort der breite Weg des Lebens in Sünde.

Das Schöne an diesen Ansätzen ist, dass sie unheimlich einfach sind. Damit laden sie zum Zustimmen ein. Das Doofe ist: sie nehmen die Komplexität des Lebens nach meiner Empfindung oft nicht ernst genug. Dadurch bieten sie auf Dauer nur eine geringe Tragfähigkeit.

Ich glaube, dass diese Arten die Welt und das Leben zu sehen, Interpretationen der biblischen Texte sind. Diese Interpretationen geben sehr vielen Menschen Orientierung und Kraft. Aber ich glaube trotzdem, dass man die Bibel auch anders lesen kann (und darf). Und so finden sich auch ganz andere Linien in unserer heiligen Schrift.

 


In der Bibel wird nicht glattgebügelt. Nein, Unterschiede werden wahrgenommen und respektiert.

 

Es fällt zum Beispiel auf, dass sich durch die Bibel eine Linie des Respektes vor dem anderen zieht. Es heißt z.B. nicht: „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“.[2] Sondern „der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“. Die einzelnen Aspekte, die diese Menschen von Gott erfahren haben werden nicht gleichgemacht, sondern respektiert. Die Bibel denkt in Aspekten. Es gibt außerdem vier Evangelien. Vier Lebensbilder Jesu mit unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Wahrheit. Auch hier wird nicht glattgebügelt. Nein, Unterschiede werden wahrgenommen und respektiert. Das Leben in seiner Vielfalt wird ernstgenommen.[3]

 


Jeder individuelle Mensch sehnt sich nach einem Zuhause, auch was seinen Glauben angeht. Und das wird ihm zugestanden.

 

An dieser Stelle steigen, meiner Erfahrung nach, viele Menschen aus, weil sie befürchten, dass durch solche Wahrnehmungen die Eindeutigkeit der christlichen Botschaft verloren geht. Ich finde jedoch gerade in diesen Beobachtungen eine besondere Eindeutigkeit und die besagt: Gott hat in jeden Menschen etwas Anderes hineingelegt. Eine einzigartige Persönlichkeit. Jeder dieser individuellen Menschen sehnt sich nach einem Zuhause, auch was seinen Glauben angeht. Und das wird ihm – besonders bei Gott – zugestanden.

Ziemlich coole Botschaft, finde ich.

Doch wie gehen wir jetzt damit um? Was machen wir mit dem Gedanken, dass Gott sich unterschiedlichen Menschen unterschiedlich zeigt? Wie kann das gehen?

Vielleicht kann uns hier ein neues Verständnis vom Ende der Story, von der Vollendung der Welt, helfen. Was wäre, wenn wir die biblischen Texte nicht in ihren trennenden, sondern (auch) in ihren verbindenden Elementen verlängern? Wenn am Ende nicht die große Scheidung, sondern die große Vereinigung steht?[4]

Das zu denken ist nicht leicht. Mir hat dabei ein Vergleich aus der Bildbearbeitung geholfen. Es gibt dort eine Technik, bei der gezielt Komplementärfarben in ein Bild eingearbeitet werden, um einen besonders stimmigen und harmonischen Bildlook zu erzeugen.[5] Das Faszinierende daran ist für mich, dass Farben, die sich komplementär zueinander verhalten, in ihren Eigenschaften unterschiedlicher nicht sein können und sich trotzdem zusammenfügen. Diese Farben werden auch als Gegenfarben bezeichnet. Unterschiedlicher geht es nicht. Im Gesamtbild ergeben sie jedoch eine wunderbare Harmonie und Fotografen sowie Künstler nutzen sie schon lange, um besonders schöne Farbwirkungen zu erzeugen.

So erzeugen die Komplementärfarben Blau und Orange z.B. eine neue Bildwirkung:

In mir wächst gerade die Hoffnung, dass Gott es am Ende schaffen wird, die Unterschiede zu einem wunderschönen Gesamtbild zusammenzufügen.

Die Hoffnung darauf, dass es mit dem letzten „Schalom“ Gottes, mit der Vollendung der Welt, genauso sein wird. Dass Gott es am Ende schaffen wird, die Unterschiede zu einem großen, wunderschönen, harmonischen Gesamtbild zusammenzufügen. Und das Beste ist: Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass er jetzt schon damit anfängt.

Was macht es mit unseren Unterschieden, wenn wir diesem Bild eine Chance geben? Was, wenn wir es nicht nur für möglich halten würden, sondern sogar anfangen daran zu glauben? Bei mir persönlich erzeugt das eine starke Energie in mir. Ich stelle mir vor, was passiert, wenn wir unsere Hoffnung in diese Richtung lenken: Dass wir unseren Kindern davon erzählen, dass Gott eine gute Zukunft für diese Welt hat, in der jeder seinen Platz findet. Dass sich unser Reden von Gott und unserm Glauben verändert und wir den Menschen eine echte Perspektive anbieten. Dass wir neue Formen des Miteinanders in Annahme finden. Das würde mich umhauen.

Mir ist natürlich bewusst, dass dieser Vorschlag ein bestimmtes Denkmuster widerspiegelt und das ein bestimmtes Verständnis der Bibel dahintersteckt. Ich weiß auch, dass deshalb viele Andersdenkende da nicht mitgehen werden (können). Dennoch glaube ich, dass solche vereinenden Bilder eine große Chance sind, unserer fragmentierten Welt auf eine „christliche Art“ zu begegnen. Außerdem würde ich einfach total gerne in eine gemeinsame Zukunft gehen.


[1] Außer an so Stellen wie in 1Kor 13,9 oder in Jesu Gebet um Einheit seiner Jünger in Joh
17,21. Ihr kennt mehr? Ab in die Kommentare!

[2] Z.B. in Ex 3,6.

[3] Weitere Beispiele könnten sein: Die zwei Schöpfungsberichte; Die zwei Geschichtsschreibungen in Könige und Chronik; Jesus nennt den Samariter (einen Andersgläubigen) als Vorbild; Der Heilige Geist gibt an Pfingsten als erstes die Fähigkeit andere
Menschen in ihrer individuellen Sprache anzusprechen.

[4] Der Begriff „die große Scheidung“ kommt aus dem gleichnamigen Buch von C.S. Lewis,
welches den Gedanken hier vielleicht gar nicht so entgegensteht.

[5] Sh. z.B. https://youtu.be/b2nPaGYkQSs

4 Comments
  • Daniel Faißt

    26. Juni 2017 at 09:05 Antworten

    Ich bin da eigentlich ganz mit Dir, aber…
    Wäre es nicht gut sich als Menschen innerhalb der Institution die sich Kirche nennt (dies schließt für mich Freikirchen, Landeskirchen und auch Gemeinschaften mit ein) wieder zurückfinden zum Zentrum? Das wäre für mich Jesus Christus wie ihn die Bibel und die Bekenntnisse bezeugen.
    Alles außerhalb dessen ist diskutierbar => Die Einheit kommt nicht von den Dogmen sondern der Person Christus.

    Es bräuchte also doch eigentlich keine „neue“ Einheit sonder eine Rückbesinnung und Vergägenwärtigung auf das Zentrum das eint.

    Was das dann für das gemeinsame Zusammenleben in der Kirche (und für Ökumene heißt) muss von dort her bewertet werden.

    Über Konkretionen denke ich da auch viel und oft nach…

  • Und was glaubst Du? | neolog

    18. Juni 2017 at 12:33 Antworten

    […] verglichen, abgewogen. Bis irgendwann eine Frage immer lauter wurde: Und was glaubst Du? (Christoph und Daniel haben sich dieser Frage hier übrigens auch schon […]

  • Ann-Christin

    5. Juni 2017 at 07:16 Antworten

    Danke Toffi für so einen Hoffnungsblick! Wir müssen wieder lernen uns gegenseitig wahrzunehmen für das wer wir sind und uns nicht immer in dem Zwang sehen Urteile sprechen zu müssen. Ich möchte das lernen unbedingt! Und wenn Jesus dafür gebetet hat will ich mich einreihen in dieses Gebet. Weil ich nicht denke, dass wir es ohne die Bitte um Liebe füreinander hinbekommen. Das war Jesus damals schon klar und heute gibt es ja noch unglaublich viel mehr Futter für Abgrenzung. Ich hab richtig Bock auf das Endbild und glaube wirklich, dass wir es heute schon sehen können an mancher Stelle!

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