Das Loch in der Zimmerwand – oder: Wie ich über den Himmel denke

Ich stelle mir vor, mein ganzes Leben findet in nur einem Zimmer statt. In einer Ecke wartet mein Bett, in dem ich mich nachts erhole. Direkt daneben droht mein Schreibtisch, für die Arbeit, die den Kühlschrank rechts der Tür füllt. Für Abende und das Wochenende streckt die Couch ihre weichen Arme nach guten Freunden aus, die aus ihren Zimmern zu Besuch herüber kommen. Ein Zimmer – und das ganze Leben ist darin.

Nur eine Sache, eine die schon immer einfach da ist, gibt es noch: Ein riesiges Loch, das in einer der Wände klafft. Es reicht von der Decke fast bis zum Boden und dahinter erstreckt sich undurchdringliche Finsternis. Die meiste Zeit denke ich gar nicht daran. Meist bin ich vor allem neugierig, was da kommen mag. Aber gelegentlich packt mich die Vorstellung, hinter dieser Finsternis könnte Nichts warten – und das macht mich fertig. Gerade im fröhlichen Gespräch mit einem Freund, es fällt irgendein Wort und schon werde ich hineingesogen in diesen grässlichen Strudel. Es ist, als würde eine kalte Hand mein Herz packen und mit einem gehässigen Grinsen zudrücken. Dabei blicke ich in das blanke, ewige Nichts.

 


»Es muss weiter gehen, es darf nicht aus sein, ich hoffe es so sehr«

 

Oder ich denke an meinen Vater, an meine Mutter, an meine Verlobte und ich hasse, hasse, hasse dieses Loch, weil es uns auseinanderreißen wird, weil ich diese Menschen liebe, liebe, liebe und Liebe nicht endlich sein darf, sondern weil ich sie immer lieben will, immer weiter, weiter, weiter über das Loch hinaus. Also muss es weiter gehen, es darf nicht aus sein, ich hoffe es so sehr – aber ich weiß es einfach nicht.

Als ich jünger war, kannte ich diese Unsicherheit nicht. Von Freunden und Verwandten wurde über das Loch einfach ein riesiges, wunderschönes Bild gehängt. Ich habe dieses Bild geliebt. Von Anfang an hing es in meinem Zimmer über dem Loch. Ich kannte das Loch gar nicht. Dieses Bild wurde sehr oft gemeinsam bestaunt, denn es hing in vielen Zimmern. Darauf waren nur bunte und warme Farben, eine goldene Stadt, ausschließlich lächelnde Gesichter (keine Tränen und kein Leid), singende, feiernde und sich umarmende Menschen, vereint in einziger Dankbarkeit vor und zu dem EINEN.

Gute Freunde und viele liebe Menschen erklärten mir, dass die Bilder selbst von dem EINEN kämen, dass er sie mit unfehlbarer Hand gezeichnet hätte, dass ich keine Angst haben solle, da der EINE uns verspreche, dass wir Nach-dem-Loch bei ihm sein werden.
Wir glaubten auch, dass das Bild im Nach-dem-Loch wahr werden würde, für immer und ewig, und dass das alle Menschen erfahren müssen. Darum erzählten wir von dem EINEN, dem Maler dieses Bildes. So hofften wir es in möglichst vielen Zimmern aufhängen zu können, denn wer es nicht bei sich hängen habe, laufe Gefahr, bei diesem wunderschönen Eigentlichen im Dann, im Nach-dem-Loch, nicht dabei zu sein!
Das glaubte ich und erzählte es weiter.

 


»Allein Party, Glück und Dank im Himmel? Ist das Leben nicht gerade durch seine Auf’s und Ab’s das Leben?«

 

Doch ich habe mein Vertrauen in das Bild verloren. Wie kam es dazu? Es fällt mir schwer, das zu rekonstruieren und in Worte zu packen. Vieles geschah parallel. Hier ein paar Andeutungen: Ich verließ mein Zuhause, wo ich vom Lebensjahr Null bis 18 immer in die gleiche Gemeinde ging, im gleichen Haus wohnte und von den gleichen liebenden Eltern großgezogen wurde. Die neue Umgebung machte es mir leichter, kritischer zu werden und Neues zu denken. Die Bibel wurde immer mehr vom Gottes- zum Menschenwort.

Aus Glaubens-Sicherheit wurde erst Vertrauen und dann Hoffnung. Das Bild von der ewig-glücklichen Party bei Gott (ohne bestimmte Menschen, die nicht dazu gehören, also an einem anderen Ort sein müssen?) erschien mir immer weniger erstrebenswert. Entweder müsste es für alle weitergehen – oder für niemanden. Allein Party, Glück und Dank im Himmel? Ist das Leben nicht gerade durch seine Auf’s und Ab’s das Leben? Wenn wir alle nach dem Tod plötzlich ausschließlich liebevoll und nett zueinander sind, sind das dann noch wir, Menschen die sich streiten und versöhnen, hassen und lieben?

Wir wissen nicht, woher wir kommen, was wir hier sollen und wohin wir gehen. Ich glaube, dieses Nicht-Wissen macht uns Menschen Angst. Oft erscheint es mir so, dass es die Religionen nur gibt, um uns Menschen diese Angst zu nehmen und uns vergessen zu machen, dass wir es gar nicht wissen können – dass wir also selbst das Bild gemalt haben und es über unsere Löcher hängen.

 


»In mir gibt es sogar noch einen Teil, der sich an die frühere Himmelsvorstellung klammert«

 

Während ich das schreibe, denke ich: Klar, schließe ich nicht aus, dass ER selbst das Bild gemalt hat und es für uns über das Loch hängt. Klar, Gott kann. ER könnte tun, was ich nicht für möglich halte, was ich absurd, ungerecht oder nur eine ‚Wir wollen keine Angst haben-Strategie‘ von uns Menschen selbst halte. In mir gibt es sogar noch einen Teil, der sich an diese frühere Vorstellung klammert – sie ist so was wie eine alte Heimat. Allein: Es fehlt mir der Glaube. Er ist mir abhandengekommen, „wie andern Leuten ein Stock oder Hut“ (E. Kästner). Vom Nicht-Wissen zum Glauben zurückkommen zu können – das bleibt wohl ein Geschenk.

Dennoch: Ich kämpfe darum, darauf vertrauen zu können, dass es den EINEN gibt. Obwohl ich mir es oft schlecht vorstellen kann, wende ich mich doch an IHN. Dieser EINE also, wird es (vielleicht/hoffentlich/äähhh…crazy?!) schon irgendwie richten.
Wie auch immer ER das tun wird. Und wenn nicht, dann nicht.
ER hat’s gegeben, ER hat’s genommen – was soll ich auch sonst dazu sagen?
Was bleibt ist Ratlosigkeit. Und Hoffnung. Leise, unvernünftige (?), aus schlichtem Wunsch geborene, Hoffnung.

Ich glaube, bei mir ist es so: Früher hatte ich Angst, dass andere Leute in die Hölle kommen, aber keine Angst, es könnte nicht weitergehen. Heute habe ich Angst, es könnte nicht weitergehen, aber keine Angst mehr, dass andere Leute (oder ich) in die Hölle kommen könnten.
Wer Richtung Tod und dem Danach in jeglicher Hinsicht Angst-frei sein kann, ist zu beglückwünschen. Mir gelingt es nicht. Ich habe nur die eine durch eine andere Angst getauscht.

 


»Ich fände es schön, sagen zu können: Mein Glaube ist leidenschaftlich, weil ich mich voll in die Gegenwart hineinwerfe.«

 

Also: Ich glaube nicht mehr an das Bild vor dem Loch. Ich rede mit anderen gern über ihre Bilder und das Nach-dem-Loch, aber es dreht sich nicht mehr alles um das Bild, um das Dann, um das ‚Wer wird alles dabei sein‘. Ich kann das Hier und Jetzt so mehr genießen und mein Verhältnis zum EINEN ist gelassener. Das finde ich gut, sehr gut sogar. Das Danach hat Zeit, wenn Danach ist. Jetzt gibt es genug Dinge, für die es sich einzusetzen lohnt.

Was ich außerdem feststelle: Mein Glaube scheint seit dieser Veränderung weniger leidenschaftlich geworden. Das mag daran liegen, dass sich gegen die Hölle scheinbar aktiv etwas machen ließ, ich stärker kirchlich-sozial eingebunden war und demnach der Einsatz selbstverständlicher war.

Heute liegt mein Fokus und Engagement schon mehr auf dem hier und jetzt. Aber noch erscheint mir dieses weniger existenziell. Ich fände es schön, sagen zu können: „Mein Glaube ist leidenschaftlich, weil ich mich voll in die Gegenwart hineinwerfe.“ Ob ich das hinkommen kann? Ob ich dafür zum Beispiel regelmäßig die gleichen Leute auf meiner Couch versammeln müsste, um mit ihnen über die Zusammenhänge von Schreibtisch und Kühlschrank, die Vernetzung zwischen den Zimmern und den Umgang mit den verschiedenen Bildern vor den Löchern in unseren Zimmern zu sprechen?

 

 

P.S.: Ich merke gerade, beim zweiten Bearbeiten des Textes, nachdem die erste Version vor drei Wochen entstand, wie schwierig es grundsätzlich ist, in Worten festzuhalten, was ich über das Danach zu denken scheine. Heute springen mir die Vor-3-Wochen-Worte fremd entgegen. Ich hatte mich da nicht gerade verlobt, draußen waren es nicht 25 Grad und Sonnenschein und ich war nicht frisch aus dem Urlaub zurück. Eine ganz andere Stimmung, ein ganz anderer Ton zog sich durch meine Worte, als ich sie heute wählen möchte. Entspricht das Vor-3-Wochen weniger der Wahrheit als das Heute? Nein. Aber was für uns fühlende Wesen an dem einen Tag rund ist, ist am nächsten Tag eckig. Und so sträubt es sich in mir, wenn ich daran denke auf meine Meinung zum Danach von diesem Internet da draußen – von Dir, liebem Leser – festgelegt zu werden. Nun, diese kleine Bemerkung macht es erträglicher fortzufahren. Sie wird mir im Text-Feedback vielleicht als zu streichen empfohlen werden, doch dann wird hoffentlich der Rest des Textes stehen und der Mut zur Veröffentlichung größer sein.

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3 Comments
  • […] was ich denke und fühle (auch wenn ich das selbst oft nicht so richtig weiß – wie man hier sieht). Luther ist sich mir zu sicher mit Gott und in dem was kommt – das alte Gedicht bei den […]

  • Und was glaubst Du? | neolog

    18. Juni 2017 at 13:57 Antworten

    […] abgewogen. Bis irgendwann eine Frage immer lauter wurde: Und was glaubst Du? (Christoph und Daniel haben sich dieser Frage hier übrigens auch schon […]

  • ich muss anonym bleiben, weil Hauptamtlicher

    29. Mai 2017 at 16:55 Antworten

    Hallo Daniel, was du schreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und dein PS gefällt mir auch sehr. Schade, dass es in der frommen Welt so wenig Raum gibt, über solche Gedanken ins Gespräch zu kommen.

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